Mit den Sonderheften gibt es ein eigenständiges neues Format. Es wird nicht von mir allein gemacht, sondern ist eine Koproduktion. Herausgeberin ist Gesine Palmer, Gestalterin ist Luise Bartels von Ernst und Mund in Leipzig, Autorinnen sind alle, die es sein wollen und können – und wir bereiten eine Zusammenarbeit mit dem Eclectic-Verlag für die digitale Edition vor.

Wenn Sie die Themen dieser Hefte interessieren und Sie etwas Passendes im Kopf oder schon in der Schublade haben, können Sie mitmachen.

„Sonderhefte, von welcher Zeitschrift denn?“ werden Sie vielleicht fragen. Von keiner Zeitschrift. Es geht vielmehr um Hefte über Themen, an denen sich zeigt, wie alle Frauen, die als Pilotinnen, Autorinnen, Regisseurinnen, Feuerwehrfrauen oder Komponistinnen ihren Job machen wie alle anderen, dann doch immer wieder mal ausgesondert oder abgesondert werden, einfach weil sie Frauen sind. Es geht um das immer noch als ein absonderlicher Fall angesehene weibliche Begehren – nach Anerkennung, Mitsprache, Liebe, Unterhalt und vielleicht auch Unterhaltung.

Zum Namen:

Den Kenner*innen religiöser Terminologie ist alleweil bewusst, wie das Wort „Sünde“ mit der „Absonderung“ in Zusammenhang gebracht wird, den Kenner*innen der deutschen Geschichte und der ihr eigenen besonderen Barbarei geht nicht aus dem Kopf, dass „Sonderbehandlung“ im KZ-System ein Euphemismus für Mord war. „Das Allgemeine und das Besondere“ – sie sind die ewigen Themen der Philosophie, und wer sich zu sehr auf sein „Besonderes“ versteift, der ist den Freunden des allesbezwingenden Allgemeinen von jeher ein Dorn im Auge. Wer abgesondert von den anderen „einsam wohnte“ wie das jüdische Volk, wurde immer scheel angesehen, denn „sie wollten wohl was Besonderes sein“ – und eben dafür gab es im Extremfall „Sonderbehandlung“. Aber auch wer ausgesondert war oder zu viel absonderte an allzu eigenen Gedanken, dem musste eine sich für allgemein ausgebende Gemeinschaftserziehung noch stets vor allem seinen Sonderwillen austreiben – zugleich provozierend und bestrafend, dass manche Probleme erst in der Aussonderung von Themen zu Problemen werden. Insofern erschien es uns logisch, dass das Büro für besondere Texte sich um solche Sonderthemen noch einmal eigens kümmert.

Das sei längst geklärt und werde überbewertet, sagen Sie? Wir sehen gerade 2020, mitten in der weltweiten Coronakrise, wie auch in den westlichsten aller Welten die alten Fallen wieder zuschnappen, wie die Aufgaben wieder traditioneller verteilt werden und männliche Experten der Welt erklären, warum dies so und jenes anders sein muss.

Schon ist die andere Hälfte der Menschheit wieder mit Stillarbeit beschäftigt, die nicht nach außen dringt. (Dazu zum Beispiel ein Beitrag der Anthropologin Erdmute Alber).

Zur Absicht:

Die Sonderhefte wollen Sie nicht von Ihrem „eigentlichen“ beruflichen oder biographischen Ziel entfernen. Sie sollen Sie vielmehr begleiten, einen Reflexionsraum für „Sonderprobleme“ eröffnen. In der Form kleiner Hefte, in denen einzelne Essays in einem Format gedruckt werden, das in jede Manteltasche passt. So können Autorinnen und Leserinnen das Heftchen fast wie Visitenkarten bei sich tragen. Wenn mal wieder jemand, den Sie auf einer Konferenz von Verlagen oder für christlich-jüdische Zusammenarbeit oder über Lacan im Film treffen, fragt, ob Sie allen Ernstes Feministin sind – dann können Sie einfach sagen: „Ja“. Und Sie können, anstatt umständlich zu erklären, warum und wie genau und wie genau nicht, auf Ihren Essay verweisen. Sie haben also Ihr „allgemeines“ berufliches Profil – und Sie haben in Beiträgen zu den Sonderheften Ihre Gedanken zum Sonderproblem, von dem Sie betroffen sind, mitgeteilt. Nachlesbar. Und mit einem Link zu bald einer ganzen Reihe von E-Books zum Thema.

Zur Gestaltung:

Gestalt angenommen hat die Idee, als Luise Bartels mit einstieg: Sie hat ihre Gestaltungskunst an der HGB in Leipzig studiert und beim Anblick meines Büchleins Unser aller Psychose angefangen, mit mir über ästhetische und technische Aspekte solcher Kleintexte nachzudenken. Unsere Gespräche betrafen Inhalte und Formen einer möglichen Essayreihe. Sie brachte Bücher, die mich reizten, im Unzeitgemäßen Feuilleton über deren feministische Aspekte nachzudenken. Und schließlich kamen wir zu dem Schluss: Wir brauchen ein Format, in dem alle, die in der großen allgemeinen Welt ihre Frau stehen müssen und immer mal wieder mit Sonderproblemen belästigt werden, ihre eigenen Gedanken dazu in einer freien Kurzform entwickeln und darstellen und in losem Verbund veröffentlichen können. Luises gestalterische Idee ist so einfach wie genial: Wenn das Sonderproblem „Frausein“ nach innen gedrückt werden muss, damit ein Mensch, auch ein weiblicher, nach außen auftreten und sich aktiv am Kulturleben beteiligen darf, dann ist etwas an den normalen Verhältnissen von Innen und Außen vielleicht nicht richtig bedacht worden. Sollte nochmal neu gedacht werden. Und so hat sie die Sonderhefte gestaltet, indem sie das, was normalerweise innen ist bei der Titelei, den „Schmutztitel“, nach außen gekehrt. Und das Coverfoto nach innen. Versuchen Sie mal, es so zu sehen, sagen die Sonderhefte.

Die ersten drei Hefte:

Sonderheft 1: „Der Gedanke ist mir nicht unangenehm.“ Über Chris Kraus‘ I Love Dick. (Gesine Palmer)

Sonderhft 2: „Our Aim is to Be Priceless“ (Georgia Palmer)

Sonderheft 3: Ruchlos auf der Höhe. Die Texte von Lou Andreas-Salomé und der Narzissmusdiskurs.

Diese Hefte erscheinen in diesem Herbst analog und werden hier vorgezeigt, sobald sie da sind. Wir arbeiten weiter. Und wenn Sie wollen, sind Sie dabei. Wir freuen uns auf interessante und qualifizierte und sonderwillige Beiträge!