„In allen Regionen weinen die Mütter“

Unter dieser Überschrift berichtet die FAZ über den Barfußmarsch der israelischen Women Wage Peace und der palästinensischen Women of the Sun Bewegung, die auch unter dem Namen „Mothers‘ Call“ aktiv ist.
https://www.youtube.com/watch?v=YvEUI8wTjEU
Ich halte ihre Arbeit für sehr wichtig, und das weit über den Nahostkonflikt im engeren Sinne hinaus. Es scheint an der Zeit zu sein, die verschiedenen Artikulationen von Frauen zusammenzuführen, um einer Remilitärisierung der Theologien mit Berufung auf die andere Seite der Religionen und der säkularen Ethiken zu begegnen. Die Betonung insbesondere der mütterlichen Verantwortung kann als ein falsches Zugeständnis ans Patriarchat gelesen werden – aber in der Gegenwart erscheint sie mir angemessen, denn sie antwortet auf eine Entwicklung, die alle humanen Fortschritte der letzten Jahrzehnte, und mit ihnen die relative Emanzipation der Frauen bedroht. Ich engagiere mich an den mir möglichen Stellen, der Katholischen Akademie in Berlin und in meinen Publikationen, für die neue Frauenfriedensbewegung und habe meinen eigenen Facebook-Bericht über eine kleine Frauendemonstration mit Unterstützerinnen dieser Gruppe mit folgenden Worten eingeleitet:
Wo mehr oder weniger bekennend patriarchale Politiker kollektiv (und hierin Freund und Feind vereinend) vergessen, dass jedes Zusammenleben von Menschen und Völkern auf GEGENSEITIGER Anerkennung beruhen muss, sowie jeder Mensch einen WIDERHALT in ANDEREN braucht, wenn er nicht „freidrehend verrückt“ werden will; wo mühsam errungene Einigungsformen und Vertraglichkeitsorientierungen willentlich und wissentlich gebrochen werden; – da regiert ein traditionell „männlich“ genanntes, psychoanalytisch als narzisstisch bis sadistisch gedeutetes Prinzip. Es schreit nach einem Widerhalt im traditionell „weiblich“ genannten Prinzip, das mäßigend, vereinigend, schützend, dialogisch und fürsorglich-moralisierend auftritt. Die neuen wilden Männer schreien danach, auch wenn sie die fordernden Frauen besonders in den Staaten der Genderapartheid mit allen Mitteln wegbrüllen. Sie schreien nach einer Begrenzung ihrer (auto-)destruktiven infantilen Allmacht. Es ist Zeit, dass „Jewish Mothers“ sich mit anderen Müttern und Friedensfreunden zusammentun und die volle emotionale Wucht des Mütterlichen nach vorne bringen (der wir uns in friedlicheren Zeiten mit Recht immer wieder auch entziehen), um den Wahnsinn der allein auf militärische Macht setzenden Verhältnisse zu regulieren. Vernunft und Weisheit können nur in der (Wieder-)Herstellung der wechselseitigen Anerkennung gedeihen.
Hier nutze ich nun – wie dort versprochen – das Blogformat, um ein paar Hintergrundgedanken zu diesem Aphorismus zu „hinterlegen“. Wer sie lesen oder in ihnen stöbern will, erschrecke bitte nicht vor dem möglicherweise etwas kompliziert erscheinenden Stil. Nach zwei Jahrzehnten der Übungen in Einfachheit kehre ich seit einiger Zeit ganz bewusst wieder zu komplexeren Ausdrucksweisen zurück. Seit wir alle mit simplizistischen, pseudoemotionalen KI-Rhetorik geflutet werden, möchte ich am liebsten nur noch spröde, ironisch, hypotaktisch und konsequent die unwahrscheinlichsten Abschweifungen wählend schreiben. Aber natürlich möchte ich weiterhin auch wenigstens manchmal verstanden werden. Weiterhin bleibt es mein Ehrgeiz, die Verhältnisse möglichst genau zu beschreiben und das zu erfassen, was „das Gebot der Stunde“ sein könnte. Dabei halte ich meine Fähigkeiten zum erklärenden Beschreiben für sehr begrenzt – und ich merke auch, dass nicht nur meine Lust an erklärenden Texten abnimmt: sie zerlaufen mir auch regelmäßig. Immer liegt hinter einer Überlegung eine weitere, und 1000 Sachen bleiben selbst dann unbedacht, wenn man mit Anmerkungen und Parenthesen arbeitet, aber erst recht, wenn man auf sie verzichtet. Da hilft eigentlich nur die Unterbrechung durch Dialog. Der ist nicht nur selbst Thema dieses Blogs – sondern ich bitte etwaige Leser:innen auch sehr herzlich, mir ins Wort zu fallen, mir zu widersprechen, meine Überlegungen zu ergänzen. Bei öffentlichen Veranstaltungen und in kleineren Gesprächsrunden gelingt das schon ganz gut. Warum nicht auch hier?
Schreiben Sie mir doch gerne Ihre Meinung zu den folgenden Überlegungen.
Solange ich von Ihnen keine Fragen oder Antworten höre, stelle ich mir schon einmal ein paar mehr oder weniger zeitgemäße Einwände vor. Etwa diesen:
Kann man nach all den Debatten um Feminismus und Gender-Studies der letzten Jahrzehnte noch so von „weinenden Müttern“ und gegenseitiger Anerkennungn sprechen? Dazu:
- Das Schicksal des Feminismus in der interkulturellen Debatte
Im Hintergrund meines Aphorismus steht die profunde Studie von Jessica Benjamin über „Die Fesseln der Liebe“ von 1988. Nichts von ihrer genialen Verbindung von der Philosophie der Anerkennung (Hegel, Habermas, Honneth), Psychoanalyse des Kleinkindalters und feministischer Kritik eines soziale Struktur gewordenen männlichen Narzissmus bzw. Sadismus ist veraltet. Vielmehr wäre dem Buch eine gründliche Relektüre und mehr Relevanz der dort formulierten Einsichten für diie politische Realität zu wünschen.
Seit der Feminismus „intersektional“ geworden ist, haben wir zwar ohne Zweifel wichtige Perspektiven dazu gewonnen. Dabei ist allerdings auch etwas ins Rutschen gekommen, was ich nach wie vor lieber fester sehen würde, und das hat mit Krieg und Frieden durchaus zu tun: In jenen ungewohnt langen Jahrzehnten des relativen Friedens, den wir in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg erleben durften, haben wir hier wie auch in anderen Ländern der westlichen Welt (mit und ohne Kriegsbeteiligungen) an den Verhältnissen zwischen den Geschlechtern mehr verändert als in Jahrhunderten zuvor. In Deutschland genießen Frauen (nach der Einführung des Stimmrechts (1918), Zulassung zum juristischen Staatsexamen (1922) und der Abschaffung des Letztentscheidungsrechts des Ehegatten (1958) sowie dessen Rechts über ihre Arbeitskraft (1977) und ihre sexuellen Dienste (1997), um nur einige Stationen zu nennen) heute wie selbstverständlich das Recht auf Selbstbestimmung in fast allen Belangen. Sie können sich, wenn sie sich feministisch engagieren wollen, in Ruhe dem widmen, was Frauen vor hundert Jahren vielleicht als „Feinjustierungen“ angesehen hätten. Diese Feinjustierungen sind keineswegs Kleinigkeiten – aber dass man sich um sie kümmert, dass man kontrovers über sie diskutiert, sei es die genaue Formulierung des legalen Zugangs zu medizinisch korrekt durchgeführten Abtreibungen oder die Beurteilung des anhaltenden Emanzipationshindernisses Prostitution, sei es der Gender Pay Gap oder die angemessene Repräsentation von Frauen in Führungspositionen: die gesamte Diskussion findet unter der Voraussetzung statt, dass jede Frau, egal wie sie ihr Leben gestaltet, eine eigene Würde und ein Recht auf Selbstbestimmung haben soll. Wenn manche Menschen für die „traditionellen Rollen“ plädieren, tun sie das in der Regel auch in sehr konservativen Kreisen doch unter Berufung darauf, dass dies der freie Wille der jeweiligen Gattin sei.
Dass man im Prinzip für weibliche Selbstbestimmung plädiert und „nur“ um ihre konkrete Ausgestaltung streitet, das ist nicht nur historisch weit davon entfernt, selbstverständlich zu sein – es gibt auch heute viele Staaten, in denen das Gegenteil geradezu „Staatsraison“ ist. Zwar steht seit dem 20. Jahrhundert in vielen Verfassungen heute ‚Gleichheit‘. Das besagt jedoch wenig, solange das Recht Frauen im Familien-, Ehe-, Erb- und Statusrecht weiterhin ausdrücklich oder systematisch schlechter stellt. „Die rechtliche Ungleichheit von Frauen ist in vielen Staaten nicht einfach ein Verstoß gegen schöne Verfassungsprinzipien, sondern Teil der geltenden Rechtsordnung selbst.“ (KI, in diesem Fall ChatGPT). Wie damit umgehen?
Offenkundig gab es um die Mitte des 20. Jahrhunderts eine Zeit, in der jeder Staat, der auf sich hielt, „Geschlechtergerechtigkeit“ als ein gemeinsames „eigentlich sollte man“ irgendwie anzuerkennen vorgab, auch wenn viele von ihnen in ihren Religionsgesetzen und im Familienrecht das Gegenteil etablierten. Mit zunehmender weltweiter Rereligiosifizierung bröckelt aber auch diese wenigstens formale Beziehung auf ein gemeinsames Ideal. Das hat in den islamistischen Welten nach 1979 (islamistische Revolution in Iran) angefangen. Aber längst sind auch konservative bis sehr konservative Christ:innen in der westlichen Welt dabei, hart errungene Modernisierungen und mit ihnen vor allem die Emanzipation der Frauen auszuhöhlen. (In den Regierungen der Großmächte Russland und China waren Frauen nie signifikant vertreten, was dort unter der jeweiligen Interpretation des Kommunismus „Gleichberechtigung“ genannt wurde, kann ich hier nicht untersuchen, ich beschränke mich auf den Teil der Welt, von dem ich ein bisschen was verstehe, im Wissen um die Begrenztheit meiner Perspektive).
Und als wäre die Gefahr von grob gesprochen „rechten“ und nationalreligiösen Bewegungen weltweit nicht schon groß genug, ist auch von manchen „linken“, ihrer Selbstdefinition nach emanzipativen Strömungen keine uneingeschränkte Unterstützung des Satzes „Frauenrecht ist Menschenrecht“ mehr zu erwarten. Jedenfalls darf man schon fragen, was für die Sache der Frauenrechte gewonnen ist, wenn eine eigenartige Fiktion der Verfügbarkeit des Geschlechts im Post-Butlerschen Genderdenken das Wort „Frau“ selbst tabuisiert.
Hinzu kommt: Während die alternden „weißen Feministinnen“, denen ich wohl zuzuordnen wäre, hier wie selbstverständlich weiter darum kämpfen, auch die noch vorhandenen Schwachstellen in der rechtlichen und psychomoralischen Gleichstellung der Geschlechter auszugleichen, kommen über eine seltsame Geschmeidigkeit im interkulturellen Dialog auf der anderen Seite Denkweisen auf, die – so herrlich sie im Detail in ihrer Buntheit und Freizügigkeit anzuschauen sein mögen – zu einer Gefahr für die Gleichstellung der Geschlechter, aber damit auch für den zugrundeliegenden Universalismus der individuellen Menschenwürde werden. Besonders augenfällig wird das, wenn westliche Kritikerinnen des westlichen Individualismus (merke: Menschenrechte sind individuelle Abwehrrechte nicht nur gegen übergriffige Staaten, sondern gegen jede Gemeinschaft!) kulturelle Praktiken wie FGM dadurch rechtfertigen, dass sie ein „Kollektiv“ schönreden, welches „ein Recht darauf habe, die zugehörigen Frauenkörper zu markieren“. Verzweifelte Frauen, die aus den betroffenen Kulturen heraus gegen diese Praxis kämpfen, sagen dazu mit Recht: „Wenn ihr zurück zu Brauchtum wollt, nehmt doch bitte euer eigenes Brauchtum und geht hinter 1918 zurück: Hört auf zu wählen, lasst euch verheiraten, tragt Korsetts und hört auf, Fahrrad zu fahren. Aber mischt euch nicht als ‚gute postkoloniale Europäerinnen‘ in unsere Überlebenskämpfe. Dort werft ihr uns doch um Jahrzehnte zurück.“ (Gespräch mit Seyran Ates am Rande der Mother’s Call Demo am 29.3. in Berlin)
Fazit: In verwickelten dialektischen Geschichtsprozessen von Kolonisierung, Dekolonisierung, Globalisierung und Definition immer neuer Opfergruppen ist der ursprünglich als Kampf um Verwirklichung auch der weiblichen Menschenrechte entstandene Feminismus teilweise bis zur Unkenntlichkeit zersplittert.
Ein zweiter Einwand könnte sich auf die merkwürdige Aufspaltung der symbolischen Ordnung in „männliche“ oder „weibliche“ Prinzipien, ja auf die Formulierung einander widerstreitender Prinzipien überhaupt richten. Dazu:
- Ein Problem des Universalismus
Sind wir nicht alle einander ähnlich und noch in Vielfalt eines? Müssen wieder „Spaltungen“ her, dann auch noch diese grundsätzliche zwischen Männern und Frauen? Natürlich weiß jeder, dass wir in Gegensätzen denken und diese immer wieder unter eine symbolische Ordnung bringen wollen. Natürlich wissen wir, dass uns das immer wieder auseinanderfällt, Heute versuchen gerade Menschen, die am Grundgedanken der Emanzipation festhalten, gegen einen multikulturell argumentierenden Relativismus den menschenrechtlichen Universalismus wieder stärker in Erinnerung zu rufen. Ich unterstütze die entsprechenden Anstrengungen eines Hans Joas oder eines Omri Boehm – und auf dem Gebiet des Feminismus einer Seyran Ates oder auch einer Elisabeth Badinter, um nur einige wenige zu nennen – ausdrücklich, möchte aber auf ein Problem dabei aufmerksam machen:
Ein Grund für die mehrpoligen Entgleisungen der Emanzipationsbewegungen mag in der Natur insbesondere eines „verinnerlichten“ (also nicht so sehr des philosophisch reflektierten, sondern des „politisch ausagierten“) Universalismus selbst liegen: Er möchte nicht nur ein Prinzip für alle etablieren, er neigt im Eifer für dieses Ziel auch dazu, die Sein-Sollens-Schranke zu vernachlässigen, hofft etwa, aus einer vermeintlich wertfreien Beschreibung dessen, was gerade als „menschliche Natur“ gilt, Regeln dafür ableiten zu können, was eine dieser Natur angemessene Ethik wäre, oder möchte umgekehrt sein Ideal von der Rechtsgleichheit aller Menschen in eine Beschreibung ihrer Realität einschreiben, wobei er dann unhintergehbare Unterschiede in den Verfassungen der einzelnen Menschen(-gruppen) ignoriert – mit dem Ergebnis problematischer Irrtümer und teils schriller kognitiver Dissonanzen.
So ist es nicht ohne Grund kritisiert worden, dass der Idealmensch der wissenschaftlichen Aufklärung der Mann ist – die Folgen selbst für die medizinische Behandlung von Frauen, deren andere Verfasstheit an mehr als nur den primären und sekundären Geschlechtsorganen eben auch eine andere Medizin verlangt, werden erst in jüngster Zeit erforscht. Diese mittlerweile genauer erforschten Unterschiede in der leiblichen Verfasstheit der Geschlechter werden inzwischen nur noch von sehr Zurückgebliebenen für eine Rechtfertigung rechtlicher Ungleichheit benutzt – vielmehr gerät mittlerweile dankenswerterweise auch in den Blick, dass in den traditionell (und in Zeiten zunehmender Zahlen von Alleinerziehenden auch heute) weiblich dominierten pädagogischen Welten das männliche Kleinkind möglicherweise anderes braucht als das weibliche. Die Suche nach einer neuen Konzeption von Männlichkeit läuft. Dabei ist die Dialektik der Aufweichung dessen, was „männlich“ oder „weiblich“ „gelesen“ wird, längst aufgefallen: mit ihr zusammen kommt eine Verfestigung von Rollenzuschreibungen spätestens dann, wenn die logisch denkende und dominant auftretende Frau sich „im falschen Körper“ fühlt, weil dies „männliche“ Eigenschaften seien.
So wichtig es also bleibt, Menschen, die ernsthafte Probleme mit ihrer sexuellen Identität haben, zu stärken und zu unterstützen, so sinnvoll bleibt es doch auch, an zugrunde liegenden gedanklichen Problemen möglichst redlich zu arbeiten. Logische Probleme ergeben sich in der Transgenderbewegung etwa an der Frage, wieso das angeborene biologische Geschlecht für die Rollenannahme irrelevant sein soll, das operierte Geschlecht dann aber alles verändern kann. Ich will mich jedoch mit dieser oft überhitzt diskutierten Frage nur unter einem Aspekt beschäftigen: kann es vielleicht sein, dass unser „monistisches“ Bemühen um ein Prinzip für alle unseren Universalismus verengt? Kann uns hier nicht doch der Blick in andere Kulturen weiterhelfen?
Tatsächlich könnten wir in den Welten, die aus monotheistischen Kulturen entstanden sind und verwurzelt in ihnen ihre Aufklärungen erlebt haben, von einem Blick in die fernöstlichen Kulturen eines gelernt haben: die Möglichkeit zu denken, dass sich nicht notwendig ein Prinzip als siegreich durchsetzen und alle anderen besiegen muss; dass vielmehr jede Kraft eine Gegenkraft sucht und irgendwie auch findet. Dass es gut sein könnte, mit anderen Worten, in der Geschichte ebenso wie in unseren Zukunftsentwürfen nicht nach dem einen siegreichen Prinzip zu suchen, sondern eher nach der langlebigen Balance der einander komplementär entsprechenden Prinzipien. Vielleicht müssen die Suche nach dem einen richtigen Prinzip und die Suche nach einer tragfähigen Balance der Widersprüche ihrerseits in eine neue Balance gebracht werden?
Wenn das möglich ist, dann ist die Unterscheidung von Gut und Böse ebenso zu denken wie die von Wahr und Falsch. Auch damit ist das universale Recht eines jeden Individuums und sogar eine schön balancierte Gottesbeziehung zu denken, wie die jüdische Dialogphilosophie des 20. Jahrhunderts (und in ihr besonders das Konzept Hermann Levin Goldschmidts von der „Freiheit für den Widerspruch“) beispielhaft zeigt. Und selbstverständlich hat umgekehrt keine noch so intelligente Theorie von Ying und Yang in den fernöstlichen Reichen verhindert, dass Monarchien und nachfolgende Tyranneien die Probleme der Komplementarität der Kräfte nicht durch gelassenen Dialog, sondern durch Herausbildung abgeschotteter Hierarchien und feste autoritäre Regimes von je einem Prinzip „gelöst“ haben. Wie auch umgekehrt die postmonotheistisch-monolithische Philosophie Hegels nicht monolithisch genug war, um zu verhindern, dass auf der Basis ihrer Dialektik im 20. Jahrhundert Theoriegebilde der gegenseitigen Anerkennung entstanden, auf denen die hier formulierten Überlegungen zu Krieg und Geschlecht beruhen.
Fazit: „The World as One” oder: Irgendwann wird sich die richtige Sache ein für allemal durchsetzen und alle arbeiten gemeinsam – das ist vielleicht bei aller Friedlichkeit der bekenntnishaft formulierten Idee strukturell eine Hoffnung, die das Andersbleiben der Anderen ausschließt. Die Welt wäre womöglich offener für rettendes Neues, wenn sie auf eine Balance der verschiedenen Ansprüche statt auf die Durchsetzung eines Prinzips setzen würde.
Ein dritter möglicher Einwand betrifft die Verbindung dieser Überlegungen zur politischen Realität. Dazu die folgenden Gedanken:
- „Das Ende der Geschichte“ und die Rückkehr des Monismus
In jungen Jahren, in denen ich versuchte zu verstehen, was Religionen in der Welt anrichten, und wieso so viele Menschen einer Lehre wie der in den 7 Briefen des Apostels Paulus rudimentär formulierten anhingen und noch anhängen, habe ich in obsessiven Lektüren theologischer, philosophischer, psychoanalytischer und sozialwissenschaftlicher Literaturen natürlich auch versucht, mich im Leben mit den Mitmenschen in Herkunftsfamilie und „Peer-Groups“ zu orientieren. Für die Anfängerin im Teenager-Alter war Erich Fromm interessant genug, wurde aber bald durch die kritische Theorie und ihre Kritiker:innen ersetzt und ergänzt um relativ aktives Engagement in der damals neuen Frauenbewegung der späten 70er und frühen 80er Jahre, die sich auch Umweltschutz oder eben „Bewahrung der Schöpfung“ auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Im Laufe des erweiterten Studiums von Judaistik und Religionswissenschaften kam hinzu ein lebhaftes Interesse für die erwähnte Dialogphilosophie der deutsch-jüdischen Schulen des frühen 20. Jahrhunderts (hier Cohen und Rosenzweig mehr als Buber, aber er und, fürs Denken der Weiblichkeit, Margarete Susman folgten) und ihre postmoderne Interpretation, in der es viel um die Möglichkeit ging, die je Anderen als anders bleibend zu denken, und sowieso darum, in allem die unvermeidliche und auch unentbehrliche Lücke zwischen dem je Gedachten und der intendierten sowie der denkenden Wirklichkeit mitzudenken. Was ich als den mir zeitgenössischen Universalismus verinnerlicht habe, ist also eine psychoanalytisch und politisch gebildete Philosophie, in der es kein Ich ohne Du und die Einen nie ohne die Anderen gibt. Das passte, rückblickend, politisch auch ganz gut in eine Zeit, in der man von einem Gleichgewicht der Kräfte trotz aller damit verbundenen Risiken noch am ehesten etwas wie „Frieden“ zwischen wesentlich zwei – absolut betrachtet deutlich zu – hoch gerüsteten Machtblöcken erhoffte.
Das Ende dieser Geschichte schien 1989 erreicht – und der sich einschleichende monistische Wahnsinn des Glaubens an ein vermeintlich siegreiches Prinzip (den Kapitalismus, den Neoliberalismus, die Demokratie „westlicher Prägung“?), dem nun alle nachstreben würden, führte zu der allgemeinen Verwirrung, in der Menschen heute nun wieder in verschiedenen radikalen Dualismen wenigstens irgendeine Ordnung suchen. (Vielleicht muss ich auch in diesem kurzen improvisierten Blogtext anmerken, dass radikale Dualismen eben gerade nicht auf eine Balance zweier gleichrespektabler Kräfte hinauslaufen, sondern den Sieg des einen über das andere Prinzip anstreben und daraus ihre Energie beziehen.) Das, was triumphal „die Freiheit“ genannt wurde, hatte, so glaubten es die jubelnden Sieger in den frühen 90er Jahren, das, was im deutsch-deutschen Fall abwertend „der Unrechtsstaat“ genannt wurde, besiegt. Fragte man diejenigen, die unter der Unterdrückung im „realexistierenden Sozialismus“ gelitten hatten, so war das sicher nicht falsch. Es wurde aber denen, die in mehr oder weniger gutem Glauben sich in dieser Ordnung beheimatet hatten, nicht gerecht. Und die ungeschriebene Verpflichtung, alles, was in der DDR gewesen war, schlecht, alles, was in der BRD gewesen war, gut zu finden, führte nicht nur zur sattsam bekannten langatmigen Kränkung der „Verlierer“, sondern auch zu einer zunächst weniger auffälligen, aber nicht weniger langatmigen Verblödung der „Sieger“.
Natürlich wird vor letzterer nicht erst seit der römischen Antike und mit ihr nicht endend gewarnt. „Victi victoribus leges dederunt“ – das ist der Alptraum aller vorausschauenden Sieger. Nur dass die meisten Sieger in ihrer Feierlaune nicht vorausschauen mögen.
Es war Hegel, der darauf aufmerksam machte, dass der Unterlegene in einem Kampf oder einer auf Dauer gestellten hierarchischen Situation sich seiner Lage stets bewusst bleibt, während der Überlegene die Freiheit genießen darf, sie auch gelegentlich zu vergessen. Das gilt wohl auch für eine bloß gefühlte Überlegenheit, der weiter nichts entspricht in einer gemeinsamen Wirklichkeit. Man kann auf allen Seiten damit leben – solange die gefühlte Überlegenheit, sei sie physisch, moralisch, ökonomisch oder militärisch, den sich so Fühlenden nicht dahin verführt, den Unterlegenen derart in die Ecke zu drängen, dass dieser um sein bloßes Überleben glaubt mit allen Mitteln kämpfen zu dürfen und zu müssen. Aber eben dies unterläuft den westlichen Mächten immer häufiger und immer weniger gebremst. Der zugrundeliegende Denkfehler ist meistens derselbe: man ist ganz und gar in die Durchsetzung dessen, was man für das eigene Interesse UND zugleich die universale Wahrheit und höchste Moral hält, verwickelt, so sehr, dass man ein ernsthaftes legitimes Eigeninteresse der je anderen Seite nicht einmal zu denken wagt. Das verengt den notwendigerweise engen Blick selbst noch der besten Armeen und Geheimdienste schließlich so sehr, dass sie die Objekte ihrer Tätigkeit außer in sehr kleinen Details nicht mehr realistisch wahrnehmen können. (Und das ist noch die freundlichste mögliche Erklärung etwa für das vollständige Versagen des israelischen Sicherheitsapparates am 7.10.2023, vgl. dazu https://www.timesofisrael.com/surveillance-soldiers-warned-of-hamas-activity-on-gaza-border-for-months-before-oct-7/?utm_source=chatgpt.com und https://www.theguardian.com/world/2024/oct/07/intelligence-failures-before-7-october-attack-hamas-israel-gaza?utm_source=chatgpt.com ). Das gilt im israelisch-palästinensischen Konflikt, in dem die israelische Regierungsseite es selbstverständlich findet, alle Sicherheit für sich zu fordern und den Nachbarn keine zu erlauben (wogegen eine Opposition überwiegend moralisch aufsteht), und es gilt in der gesamten westlichen Welt: Den politischen Führungen und großen Teilen der Bevölkerungen erscheint es seit langem richtig, kleinen als „feindselig“ wahrgenommenen Staaten mit harten Sanktionen ökonomische Schwierigkeiten zu bereiten – und aus irgendeiner Fantasiewelt nehmen sie die meist vollkommen unrealistische Hoffnung, dass so sanktionierte Staaten die Herren des Sanktionsregimes irgendwann anerkennen und sich ihnen unterordnen werden. Iran ebenso wie Nordkorea und Kuba demonstrieren seit Jahrzehnten unter großen Opfern das genaue Gegenteil.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten versuche ich im Gespräch mit den politischen Akteuren, die ich treffen darf, dagegen ein Konzept der „bedingten Kooperation“ vorzutragen, in dem einerseits die eigenen Ansprüche stark vertreten, andererseits jedoch das Selbstbestimmungsrecht der Gegenseite klar respektiert wird, bei strikt defensiver Verwendung starker Sicherhheitskonzepte, und ich wundere mich immer noch, wie sehr diese Idee belächelt und durch eine beschwörende Wiederholung der immerselben vermeintlichen Seinssätze über die je sanktionierte Gegenseite, der man nur durch Sanktionen und gegebenenfalls militärische Aktionen beikommen könne, beantwortet wird. Wenn so schon in der westlichen Selbstreflexion der Horizont ohne Not verengt wird, braucht man sich über die Verhältnisse in undemokratischen Regimes nicht zu wundern. Ich kritisiere hier – das sei noch einmal erinnert – nur die Seite, die ich ein bisschen von innen kenne. Damit ist rein gar nichts über die je andere Seite gesagt. Nach allem, was ich weiß, sind die Regime in Nordkorea und Iran entsetzlich vor allem für ihre eigenen Völker. Die Frage, die ich stelle, ist dennoch die nach der universalistischen Moral und ihrem Verhältnis zur Politik „meiner“ Seite. Denn wirklich erfolgreich arbeiten kann man wohl stets nur an seinen eigenen Fehlern.
Hier sehe ich folgendes Problem: Befangen in gedanklichen Engführungen sowohl auf der Seins- als auch auf der Sollensebene, irregeleitet durch die in hybrid geführten Kriegen allein in Zahlen von Waffen und Soldaten immer weniger ausdrückbare „militärische Überlegenheit“ auf der Seinsebene und durch eine durch Verweigerung gegenseitiger Anerkennung und Vertragstreue immer illusionärer werdende „moralische Überlegenheit“ auf der Sollensebene, verstrickt sich die westliche Welt in immer aussichtslosere Kämpfe um Durchsetzung eines Prinzips von Frieden, Freiheit und Toleranz für alle, an dessen Wert sie kaum noch glauben kann. Die Frage nach dem Prinzip, um das hier gekämpft wird, hat wiederum nach meiner Einschätzung mehr mit dem Geschlechterverhältnis zu tun, als diejenigen annehmen, die heute wie eh und je empfehlen, diesen „Nebenwiderspruch“ mal beiseite zu lassen, da es gerade um ernstere Fragen gehe.
Ein in diesem Kontext immer wieder gehörtes Argument ist ja völlig richtig: Die westlichen Demokratien – mit den aus den protestantisch geprägten nordischen Ländern an der Spitze – sind die einzigen uns bekannten Kulturen, die den menschenrechtlichen Universalismus der individuellen Emanzipation so weit getrieben haben, dass in ihnen Frauen fast die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten und Freiheiten genießen, fast das gleiche Maß an öffentlicher Verantwortung übernehmen wie Männer. Diese Errungenschaft zu verteidigen, ist viel Mühe wert. Aber wenn man schon Mühe und Ressourcen aufwenden, gar Opfer bringen muss, soll man sich gut überlegen, wie und wofür.
Ein vierter Einwand betrifft noch einmal die Rede vom „mütterlichen Prinzip“: Gibt es so etwas und wenn ja, wie steht es zum Patriarchat?
- Väterliche Gesetze, söhnliche Unordnung – und die Frauen?
Ich komme zurück auf den Titel dieses Blogbeitrags und das Geschlechterverhältnis. Denn mir scheint, die Fantasiewelt, aus der sich die Annahme, ein ausreichend mit Sanktionen strangulierter Staat werde sich schon irgendwann ergeben, wie immer man sich das konkret vorstellen mag, hat nicht nur infantile Züge. Sie speist sich vielmehr aus einem immer wieder entgleisenden Geschlechterverhältnis, in dem die einen, die heute „weiblich Gelesene“ genannt werden, in Abhängigkeit von den „männlich Gelesenen“ leben, während diese bei Bedarf Zugriff auf Austausche aller Art mit Frauen haben, wesentliche Ressourcen von Macht, Reichtum und sogar Sakralität aber nur untereinander verschieben, verwalten und, wenn sie können, wohl auch genießen. Der kurzen Blüte der weiblichen Emanzipation, die gerade erst im Begriff war, in die Zielgrade einzubiegen und eine lange undenkbar scheinende Freiheit der Lebensführung für beide Geschlechter und alle dazwischen zu ermöglichen, wird durch die kriegerischen Eskalationen der Gegenwart ein schwerer Schlag versetzt. Die rechtliche Gleichstellung der Frauen in den westlichen Ländern wird von den Genderapartheidsregimen der islamistischen Länder vielleicht nicht unmittelbar bedroht. Es sieht nicht so aus, als würden demnächst militärisch überlegene islamistisch regierte Armeen in die westlichen Länder einmarschieren und uns alle mit Kopfbedeckungspflichten und maskulinistischen Polygamien maßregeln. Noch wird auch eine engagierte kurdischstämmige Menschenrechtsanwältin und Imamin in Deutschland, Seyran Ates, zuverlässig geschützt gegen die Morddrohungen, die sie hier aus islamistischen Kreisen erhält – und zwar von gut ausgebildeten Männern vom BKA. Noch kann ich als engagierte Feministin auch materiell und physisch ungestraft klar antworten, wenn ich von Freundinnen für jede kritische Äußerung zur Geschlechterfrage im konservativen Islam verbal schmerzhaft gemaßregelt werde. Anders als zu den politischen Rändern neigende Menschen glaube ich fest, dass hier, solange wir unsere demokratischen und rechtlichen Institutionen stabil halten, indem wir sie aktiv nutzen und klar für unsere jeweiligen Auffassungen eintreten, noch immer ein relativ sehr freies und gutes und emanzipatorisches Leben möglich ist: Die anarcha-queere „FLINTA-WG“ hat Platz neben der traditionellen Kleinfamilie, die institutionelle Fürsorge für Kinder, Kranke und Alte kann zusammengehen mit familiärem oder freundschaftlichem Einsatz, genossenschaftliche Wirtschaftsformen mit privatwirtschaftlicher Gewinnorientierung, religiöse Gemeinschaften mit religionsfernen Gruppen etc. Die verschiedenen Interessen können selten perfekt, aber ebenso selten völlig zu Lasten der einen oder anderen Interessengruppe ausgehandelt werden. Man muss die demokratische Vielfalt halt wollen und aktiv leben (und über das „Haltungsproblem“ derer, die sich lieber in „Empörungsgemeinschaften“ zusammenballen, statt an ihren eigenen Aufbauprojekten zu arbeiten, habe ich an anderer Stelle gepflegt gespottet).
Eine Erosion dieser relativ demokratischen und emanzipatorischen Gegenwart droht hingegen von innen. Hier nicht nur dadurch, dass es klar verfassungsfeindliche Gruppierungen gibt, die das je eigene eine Prinzip mit Gewalt durchsetzen wollen – das ist gefährlich genug, kann aber mit herkömmlichen Mitteln eingehegt werden – sondern spätestens seit 2022 durch die bloße Tatsache, dass uns wieder heiße Kriege drohen. Denn sobald die Kriege heiß werden, schlägt die alte Geschlechterordnung aller kriegerischen Gesellschaften wieder durch: Männer führen die Kriege, Frauen gebären Knaben, erziehen Krieger, pflegen die Verwundeten, warten auf die Vermissten, beweinen die Toten und werden, wenn sie besonderes Pech haben, zwischendurch von feindlichen Schergen vergewaltigt und in der Folge von ihren zurückkehrenden Männern, die unterwegs vielleicht „Feindfrauen“ vergewaltigt haben, „verstoßen“. Ihren eigenen Aggressionsüberschuss – den auch die verkitschteste Kriegermutter hat – führen die so einsortierten Frauen zumeist gegen Töchter, Schwiegertöchter und auf komplexere Weisen auch gegen Söhne ab. Man kann es auf die Formel bringen: Krieg braucht Patriarchat – und Patriarchat braucht vor allem Krieg. Denn die durch den Krieg verursachte äußere Not zwingt alle dazu, die am besten einstudierten und zur biologischen Verfasstheit der Geschlechter scheinbar am besten passenden Rollen wieder einzunehmen. So hilft der Krieg, die für beide Seiten völlig unfaire Rollenaufteilung zu rechtfertigen. Wer die gewaltorientierte Männlichkeit und die subordinierte Weiblichkeit halten will, braucht den Krieg.
Gegen diese kriegerische Ordnung und wegen des unendlichen Leides, das sie Frauen wie auch Männern zufügt, haben sich die frühen Feministinnen gefolgt von denen des „neuen“ Feminismus der „Protestbewegungen“ in Stellung gebracht. Die meisten von ihnen waren und sind nicht so radikal pazifistisch, dass sie gegen die Existenz von Armeen zur Abschreckung und notfalls zur Landesverteidigung opponiert hätten. Sie sahen und sehen schon die Notwendigkeit, drohende Gewalt von Gemeinwesen, die ihre führenden Männer „aus dem Ruder laufen lassen“, robust zu bekämpfen, nicht nur in Israel. Sie wollten aber als Frauen selbst in Positionen Verantwortung übernehmen, die über die genannte Kriegerpflege hinaus geht. Frauen haben das in großer Zahl geschafft, in Israel, in der westlichen Welt, auch zum Beispiel in den kurdischen Gebieten – und müssen doch bis heute immer wieder gegen ihre Zurückdrängung kämpfen. Aber es gibt sie in allen Bereichen der Kultur, in allen politischen Lagern (wobei auch gilt, dass je weiter rechts eine Partei steht, desto geringer die Durchmischung der Geschlechter ist) und auch in der Sicherheitspolitik.
Umso erstaunlicher mag erscheinen, dass es plötzlich wieder Frauenfriedensbewegungen gibt, die sich auf Mutterschaft berufen. Es hat aber eine starke Logik für sich. Denn ob man es nun einer „Natur“ oder einer „Rollendefinition“ zuschreiben möchte – Frauen bringen mehrheitlich in alle kulturellen Kontexte eine Perspektive ein, die das Prinzip „wir oder sie“, mit dem mehr oder weniger monistisch operierende Männerbünde miteinander um die Vorherrschaft kämpfen, durch den Ruf zur Kooperation und Rücksicht auf die Schwächeren korrigiert. Auch wo sie sich von den entsprechenden Rollen und Funktionen freigemacht haben, sind sie offenbar noch „anders“ genug, um dafür zu sorgen, dass durchweg gemischte Teams in allen wirtschaftlichen und kulturellen Arbeitsbereichen besser arbeiten als monotone. Das gilt selbstverständlich auch für die umgekehrte Durchmischung von vormals bloß weiblichen Teams mit Männern. Gerade in der Pflege und in der Erziehung junger Kinder leisten engagierte Männer Bemerkenswertes. Und die gemischte Teambildung hätte eben auch im Vorfeld des Attentats vom 7.10.2023 funktionieren können, wenn es wirklich eine wechselseitige wirksame Aufmerksamkeit der einen für die Arbeitsergebnisse der anderen gegeben hätte.
Vielleicht zeigt dieses beispielhafte Scheitern jedoch, warum wir wieder dahin gekommen sind, dass Mütter mit anklagenden Gesten und tränennassen Gesichtern vor die männlichen Autoritäten und auf die Straßen der großen Städte ziehen, um gegen den Krieg zu protestieren und für die Gesundheit ihrer Kinder zu beten.
Tatsächlich ist die Rolle der klagenden Mutter und der klagenden Witwe die einzige Rolle, in der Frauen in männerdominierten kriegerischen Gesellschaften echter Respekt erwiesen wird. Als Sexualobjekt, als neutralisierte Dienerin, als Lastenträgerin und billige Arbeitskraft werden sie verachtet. Als Familienbesitz, der in „unversehrten“ Geschlechtsorganen die Ehre der Familie zu bewahren hat, werden sie beaufsichtigt und kontrolliert und bei „Versagen“ schwer bestraft. Als Rivalinnen in geistigen Wettbewerben werden sie unter Hinweis auf ihr Geschlecht aggressiv bekämpft. In allen diesen Funktionen werden sie nach Kräften unterdrückt. Strukturell und schamlos offen werden sie in den Staaten erniedrigt, in denen ein Religions- oder Familienrecht den Männern sehr ausdrücklich alles erlaubt und sogar empfiehlt, was es den Frauen verbietet. In der Regel geben viele Frauen bis heute und bis in die höchstgebildeten Kreise der westlichen Gesellschaften hinein die zugrundeliegenden Wertungen unerbittlich weiter. Nur in einer Rolle, der der Mutter von möglichst heldischen Söhnen, sind diese Patriarchatsfrauen quasi allmächtig: Sind die Kinder klein, gibt es die reichlich beschriebene „Mutter-Kind-Dyade“, die offenbar für beide so genießbar ist, dass Freud die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem erstgeborenen Sohn als die einzige von Ambivalenzen freie Liebesbeziehung beschreiben konnte. Natürlich ist das nur eine „Imago“ – aber eine trotz der vielen existierenden abweichenden Wirklichkeiten sehr starke. Es ist in der psychoanalytischen Literatur reichlich besprochen worden, welche Gefahren für die Entwicklung verantwortlicher Erwachsener drohen, wenn diese symbiotische Allmachtsfantasie von Mutter und Sohn auch nach Vollendung des zweiten oder dritten Lebensjahres nicht durch das Hinzutreten einer instituierenden „väterlichen“ dritten Instanz aufgebrochen wird. Diese dritte Instanz lässt sich innerhalb des gemäßigten Patriarchismus, dem die psychoanalytische Theorie entstammt, als ein durchaus positives, eben väterliches Prinzip verstehen, das soziale Strukturen, Konpromisse, Triebaufschub, verantwortlichen Krafteinsatz, Freude an Sublimierung etc. vermittelt. Gegenüber dem mütterlichen Prinzip, das bedingungslose Liebe, Freude an allen Lebensäußerungen des Kindes, aufopferungsvolle Sorge und idealerweise unzerstörbare Bindung beinhaltet, stellt das instituierend verstandene väterliche Prinzip Bedingungen und Forderungen an das Kind, gegenüber der Erholungsräume, aber auch kreative Verbindungen zu allem Kreatürlichen eröffnenden mütterlichen Prinzip bietet das väterliche Prinzip feste Formen an und lehrt auch, die Kreativiät ebenso wie die heftigeren emotionalen Impulse in diesen Formen zu kanalisieren.
Ich spreche hier natürlich ausdrücklich nicht von realen Vätern und Müttern, sondern fasse nur zusammen, wie deren prinzipielle Funktionen in unserer patriarchalen Tradition gedacht wurden. Es zeigt sich dann, dass auch die patriarchale Männerherrschaft in gewisser Weise entgleist ist. Sie ist (wie ich seit den späten 90er Jahren beobachte, angeregt durch einen nicht auffindbaren nicht mehr auffindbaren Zeitungsbeitrag von Antoinette Fouque) von einer Herrschaft des Vaters zu einer Herrschaft des Sohnes geworden. Erst mit dieser Voraussetzung wird verständlich, warum ich die Hyiokratien sowohl in der westlichen Welt als auch in den islamistischen Welten vor allem einer narzisstisch-sadistischen, (im Extrem den imaginären Matrizid im Femizid vollstreckenden) emotionalen Verfasstheit von Männern zuordne. Ob der Vater wegen Kriegseinsatz oder aus narzisstischer Bindungslosigkeit abwesend ist, ob er als Tyrann oder als Schlaffi „dysfunktional“ ist: In dem Maße, in dem die Mutter allein den heranwachsenden Sohn nicht begrenzen kann, muss er sie verachten und ablehnen, wenn er sich nicht mit ihrer „Schwäche“ sozusagen anstecken will. Seinen Widerhalt sucht er in der Männerhorde, die durch gemeinschaftliche demütige Unterwerfung unter einen imaginären Herrschergott zusammengehalten wird (so in den radikal-religiösen Gemeinschaften) – oder er lebt für sich und ohne Widerhalt. Beides ist für die befallenen Gesellschaften gefährlich. Die Ursachen können durchaus auch manchmal in einem total gewordenen mütterlichen Prinzip liegen. Das Soziale ist nicht „an sich gut“, ebenso wenig die „bedingungslose Liebe“. Es ist genau so auf Widerhalt in einer starken Individualisierung des „Kindes“ und in einer „bedingten Anerkennung“ des „Mannes“ angewiesen wie diese Strebungen auf Widerhalt in den Konzepten des anderen Pols. Das müssen wir auch in den mehr oder weniger linken und emanzipationsorientierten gesellschaftlichen Kohorten erst wieder denken lernen.
Der westliche Nerd oder Typen wie der wildgewordene „Infant“ im Weißen Haus und vermutlich auch so mancher „Kämpfer“ der islamistischen Truppen – beide fühlen sich von ihren allmächtigen Müttern eingeengt wie Nietzsche von seiner „Naumburger Tugend“, haben aber nicht genügend Eigenverantwortung entwickelt, um auf mütterliche Dienste verzichten zu können und brüllen deswegen ihre Mutterfrauen weg, obwohl ihnen damit auch der letzte seelische Rückhalt verlorengeht. Wenn ihnen weder Fußballverein noch Freiwillige Feuerwehr, weder Religion noch Forschungsprojekt, weder gleichberechtigte homo- oder heterosexuelle Partnerschaft noch bewusstes Zölibat ausreichend Bedeutung und Instituierung sowie Begrenzung bieten, werden sie anfällig für das Mittun in marodierenden Horden und langfristig unfähig zum respektvollen Zusammenleben mit „andersartigen“ Menschen. Demokratische Gesellschaften müssen darauf aufmerksam achten und dafür sorgen, dass in ihren Institutionen und Armeen pathologische Männerbünde balanciert werden durch eine ausreichende Anzahl von verantwortlichen Frauen und durch organisierte Selbstkorrekturprozesse. Dieses ist kein Festhalten an überspannten feministischen Forderungen, sondern substantiell erforderlich, um friedliche und emanzipative Ordnungen zu erhalten. Aber man muss damit rechnen, dass eine große Zahl privilegierter oder in ihren Denkfallen verharrender Männer kein Interesse an dieser Art von Ordnung hat. Man muss ferner damit rechnen, dass sich auch viele Frauen gut eingerichtet haben in der Pose der selbst hypersozialen Opferfrau.
Darum ist es an der Zeit, dass Mütter nicht mehr darauf warten, irgendwann genug gedient zu haben, um schließlich als geehrte Kriegermütter selbst eine Familie regieren oder gar tyrannisieren zu dürfen. Es ist an der Zeit, dass sie ihre Verantwortung für die Balance
der sorgenden und der behauptenden,
der sozialen und der ehrgeizig rivalisierenden,
der lustvoll-kreativen und der formgebenden,
der moralisch fordernden und der gütig verzeihenden,
der loslassenden und der festhaltenden Prinzipien
in die eigene Hand nehmen und ihre Sicht auf die Kriege der Welt laut hörbar artikulieren.
Es gibt Männer, die ebenfalls väterliche Verantwortung übernehmen. Ihre Stimmen werden dringend gebraucht. Es ist aber gut, wenn sich jetzt Initiativen bilden, die ausdrücklich von verantwortlichen Frauen ausgehen, von Müttern, die ihre Kinder nicht verlieren wollen, von Müttern, die für traumatisierte Frontheimkehrer sorgen, von Müttern, die ihr Gesicht in den Abgrenzung brüllenden Zorn der Kinder halten.
Fazit: So wenig wie die frühe Psychoanalyse alle Kriegstreiber auf die Couch legen konnte, um den Faschismus zu verhindern, so wenig werden wir rechtzeitig alle gekränkten und verletzten Seelen heilen, um den nächsten Weltkrieg zu verhindern.
Dennoch bleibt die Aufgabe, die Verhältnisse zwischen dem sogenannten männlichen und dem sogenannten weiblichen Prinzip in eine lebensfähige Balance zu bringen und Institutionen zu wahren und zu schaffen, die diese Balance schützen. In einer Zeit, in der große Mächte auf militärische Überlegenheit allein setzen und Frauen in den Dienst an entgrenzten Männern zwingen, könnten wir wieder genötigt sein, aus diesem Dienst heraus das Erste zu tun, was jede Mutter für ihr Kind tut: für es sorgen und ihm sehr klare Grenzen setzen. Wenn das nur noch mit Tränen und Appellen und bloßen Füßen auf Straßenpflaster möglich ist, dann eben so. Dann ist das eben wieder mal ein Anfang.