An einem Tag – es war, genau genommen, ein Jahrestag, der 86. Geburtstag meines bereits vor einigen Jahren verstorbenen Patenonkels und, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, der 48. Geburtstag einer sehr lebendigen früheren Freundin – ging ich über einen unbefestigten Parkplatz in En Boqeq. Das ist ein kleiner Ferienort am Toten Meer. Ich hatte mich mit einem Hut, einer Flasche Wasser, einem Notizbuch und einem Stift ausgerüstet, denn ich wollte an einem bestimmten Text schreiben. Deswegen war ich dort. Schon in Berlin war ich sicher gewesen, das Tote Meer und die rotblonden Gesteinsgebilde der Wüste Juda würden mir gute Gedanken geben. Das Wasser hatte ich mir schon gründlich angesehen. Ich hatte gebadet und mich mit allen möglichen Gegebenheiten des Ortes vertraut gemacht. Nun wollte ich eben noch ins Wadi. Ich dachte an meine Geburtstagsmenschen, an die kleinen Dornbüsche und das leichte Plätschern der Quelle. Es hob sich mein Herz in Vorfreude.

Um nicht zu stolpern, musste ich freilich immer ein Auge am Boden haben, denn direkt hinter den sogenannten Bettenburgen hören die üblichen Befestigungen auf; selbst der Asphalt leiert einfach an den Rändern aus, als dächten die, die ihn da hingegossen haben, es lohne nicht, man würde jede Einfassung sowieso nach ein paar Monaten erneuern müssen.

Schon nach wenigen Schritten über den Parkplatz, während ich noch über die Frage nachdachte, was wohl jene Freundin, die auf mich vergessen haben wird – ich kann es ihr nicht verdenken, sie ist auf alle Weisen rechtgläubig und erfolgreich, und ich bin beides nicht – an diesem Tage täte, fiel mein Blick auf etwas, das aussah, wie ein gewaltig großes Insekt. Ich bückte mich und sah, dass es ein Palmblatt war, oder ein Schüppchen von der Art, wie die Palmen sie während ihres Wachstums abwerfen. Ich nahm es mit ins Wadi und schrieb dort und ging dort und freute mich dort.

Ich legte es in mein Notizbuch und nahm es wieder mit heraus aus dem Wadi und in mein Hotelzimmer. Bei der Abreise packte ich es in meine Tasche. Ich nahm es mit ins Flugzeug und nach Berlin, und als ich es hier so auspackte, dachte ich, was machst du hier. Was machst du damit. Für ein Lesezeichen war es zu bröselig. Also habe ich ihm einen Rahmen machen lassen, und da ist es nun. Ein erwähltes Nichts.

Ein erwähltes Nichts

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