Hegelianer*innen müssten in dieser Weltsensation eine List der Geschichte sehen: Da sprechen zwei Menschen über das absolut zentrale Problem der religiösen Heilslehren und jener rein männlich besetzten klerikalen Machtapparate. Über die Unfähigkeit, das Weibliche zu respektieren. Sie tun das sehr verhalten, aber in den entscheidenden Punkten deutlich. Wie mit allen Wassern der zeitgenössischen Lehren von Freud über Lévinas zu Jessica Benjamin gewaschen (wie bewusst oder nebenbei auch immer). Sie benennen für alle Welt sichtbar die Probleme. Die ehemalige Ordensschwester erklärt, was die Betreiberin dieses Blogs hier schon vor 11 Jahren in ihrem Warum Gretchen dran glauben muss niedergelegt hat: dieses „du bist nichts“, das den Frauen der Kirchen eingebläut wird, und seine Konsequenzen für das Innerste der Lehre, die so verkündigt wird. Und der Kardinal hört zu und erzählt seinerseits, wie unmöglich es auch noch heute ist, eine andere geistliche Truppe „in einem südlichen Land“ davon zu überzeugen, dass es schlimm ist, wenn ein vergewaltigender Prälat im Amt bleibt, während die vergewaltigte Nonne ausgeschlossen wird. Eine seltene Stunde sehr weitgehender Wahrheit. Warum das eine List der Geschichte ist? Weil es wieder einmal zeigt, dass man zur Durchsetzung der milderen Ordnung die überzeugende Anmutung von noch größerer Strenge braucht. (So war das ja schon Gen 22: Zur Abschaffung des Kindsopfers muss der Mann, der es abschafft, nicht unfrommer, sondern frommer sein als die, die angeblich aus Frömmigkeit ihre Kinder schlachten). Hier kommt etwas brillant zusammen. Da reist der Papst nach Abu Dhabi. In eine Welt, in der es selbstverständlich zu sein scheint, dass Frauen eh keine Rechte haben. Reist dahin, wo diese Welt noch am wenigsten geschlossen zu sein scheint. Und nun trifft man sich Ende des Monats in Rom, um über diese schrecklichen Gepflogenheiten der Erniedrigung von Frauen in der katholischen Kirche zu sprechen. Das können tatsächlich fast nur die Vatikanisten: Um zum Beispiel den weit wüsteren Klerikern anderer Gegenden eine Einladung zur Freiheit verständlich zu machen, muss genau ein hoher wichtiger Kardinal wie Schönborn sich offen und freundlich und zuhörend mit dieser jungen Frau hinsetzen und ihr zuhören. Und sie muss genau das tun, was sie tut: Sie selbst sein und umsichtig und bewusst sprechen. So zeigt der Kardinal: wer wirklich mit sich selbst streng genug ist, die Wahrheit zu ertragen und eigenverantwortlich die Last der selbstauferlegten Keuschheit zu tragen, wer in dieser Eigenschaft dennoch erlaubt, dass eine Frau als geschlechtliches, denkendes und sprechendes Wesen sie selbst ist, der wird ja wohl nicht anfechtbar sein, wenn er auch andere Machtmännern ermahnt, der anderen Hälfte der Menschheit und allen dazwischen mit Respekt zu begegnen. Wir liberalen Protestantinnen und die liberalen Jüdinnen, die protestierenden Musliminnen und die katholischen Protestlerinnen, die Säkularistinnen und die Buddhistinnen, wir alle müssen auch weiterhin resolut für unsere Einsichten und Interessen eintreten. Das werde ich auch weiter richtig finden und selbstverständlich keinen Millimeter hinter die Aufklärung zurück gehen. Aber das bezaubernde Setting dieses Gespräches hier, das bietet gerade das überkommenste Element unserer westlichen Kultur: der katholische Klerus. Das ist die List. Über die vatikanistische oder hollywoodeske Bildpolitik schweigt sich die Verfasserin dieser kommentierenden Zeilen im übrigen freundlichst aus. 

Eine unwahrscheinliche List der Geschichte – Schönborn und Wagner
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