In einer kleinen Serie will ich mich mit dem Problem von Religion und Bindung beschäftigen. Den ersten Teil beginne ich aus gegebenem Anlass: die neuerlich allgegenwärtige Rhetorik der bedingungslosen Bindung hat auch auf diesem Blog immer wieder dazu geführt, dass ich Kommentare still entsorgt habe, in denen mir mein Familienstand „geschieden“ als glaubwürdigkeitsmindernd vorgehalten wird. Wie soll man das verstehen? Mein erster Beitrag heißt also:

Die Angst vor Spaltung als Zeiterscheinung

Wohl kaum etwas löst gegenwärtig so viel Angst aus wie „Bindungsverlust“. Das war nicht immer so. Jedenfalls nicht in der heute beobachtbaren Form, die Linke und Rechte, Junge und Alte gleichermaßen erfasst zu haben scheint. Als die Verfasserin dieses Artikels, also ich, jung war, da lasen wir zum Beispiel als Frauen unbedingt irgendwann Colette Dowlings Buch „Der Cinderella-Komplex“. Und der Satz, den Dowling allen unter Mangel an Autonomie und Selbsbewusstsein leidenden Frauen auszutreiben wünschte, lautete: „Die Bindung ist die Rettung“.

https://de.wikipedia.org/wiki/Cinderella-Komplex

Dowling sah Frauen in Gefahr, dem ökonomisch selbständigen Arbeitsleben für einen Traum vom Glück irgendeine regressive Eheform vorzuziehen, und sie hielt den zugrundeliegenden Komplex für heilbar. Es war also klar sortiert: Jugend und Aufbruch standen für Freiheit und Autonomie der Individuen, die Rede von der Bindung blieb den Reaktionären oder doch wenigstens den Konservativen überlassen. Gern mit Religion. Religion, das heiße ja Bindung, „Rückbindung“: diese (in der Fachwelt längst durchaus umstrittene) Etymologie versuchte man damals in der Bundesrepublik den „bindungslosen“ Jugendlichen einzuschärfen, um sie doch noch in Kirchennähe zu halten. Es genügte selten. Mancher ergab sich und „kehrte heim“, andere blieben offensiver und kamen damit durch, sogar Frauen.

Heute ist es ein bisschen anders geworden. Religion ist definitiv „wieder da“ – nur eben nicht jede gleich intensiv an jedem Ort. Tatsächlich haben jedoch die aggressiveren Formen der Religionen längst nicht mehr nur in den diversen Islamismen des relativ fernen „Nahen Ostens“ Konjunktur, sondern durchaus auch in unseren Breiten. Und wieder spielt, gerade auch in den aggressiveren Varianten unserer „heimischen“ Religionen, die Bindung eine gewichtige Rolle: Alle gegenwärtig um Vormacht und Aufsicht über die Weiblichkeit streitenden Religionen berufen sich gern auf den alten Vater Abraham, nennen sich „abrahamitische Religionen“. Die in Gen 22 überlieferte Geschichte von der Bereitschaft des nomadischen Patriarchen Abraham, seinen Sohn Isaak in unbedingtem Gottesgehorsam zu opfern, wird in hebräischer Sprache bekanntlich als „Aqedat Yitzhaq“, also als „Bindung Isaaks“ überliefert. Damit ist zunächst nur gemeint, dass Abraham seinen Sohn „band“, um ihn zu opfern, dann aber ja doch nicht opferte (jedenfalls in der biblischen Überlieferung, die Geschichte wurde dann in vielen Varianten weiter erzählt, unter denen durchaus auch etwas wie ein vollzogenes Opfer vorkommt: Ismael, Abrahams erstgeborener Sohn, auf den die Muslime sich als den eigentlich geopferten Sohn Abrahams berufen, wurde ja nach der biblischen Erzählung in gewisser Weise tatsächlich geopfert: in die Wüste schicken hieß in den Tod schicken, dass er gerettet wurde, war nicht Abrahams Entscheidung).

http://www.freiburger-rundbrief.de/de/?item=1433

Jedoch wird seit ihrer Kanonisierung und bis in die modernste, eher säkulare, aber psychoanalytisch interessierte postmoderne Auslegung der Geschichte munter darüber spekuliert, inwiefern eben gerade Not und Schrecken und Furcht die eigentliche Tiefe einer Bindung begründen: die Geschichte soll also nicht nur die tiefe Bindung Abrahams an seinen Gott bezeugen, wie die Tradition will, die damit die „geistigen“ Bindungen über die bloß „natürlichen“ zu stellen unternimmt, sondern sie soll darüber hinaus die Bindung des Sohnes an seinen unberechenbar brutal erscheinenden Vater als eine zum Selbstopfer bereite, unbedingt vertrauende Hingabe an den alten Herren idealisieren. Je mehr sich derartige Auffassungen – in den Revolten der Moderne mit Grund und Recht kritisiert – wieder durchsetzen und auch den ehedem emanzipatorischen psychoanalytischen Diskurs besetzen, desto schaler erscheint manchem vor solch tiefer Weisheit das Bemühen der Individuen um ihre Rechte und das Streben der Gesellschaften nach ihrer Freiheit und Offenheit. Darum halte ich es also seit langem für geboten, hier ein wenig aufzuräumen. In meiner Kritik der Bindungsrhetorik versuche ich, durchaus „nett“ zu sein und das geneigte Publikum mit ein wenig Verständnis „abzuholen“. Denn wer kann schon den Kopf allein aus dem Nebel recken? Die allenthalben medienöffentlich kommunizierte Sorge um die Einheit von Parteien mit der dabei ewig wiederkehrenden Rede von den „gespaltenen“ Parteien, Völkern, Staaten oder Staatenbünden zeigt: am Beginn des Jahrtausends geht eine riesige Angst um den „Zusammenhalt“ aller möglichen sozialen Gebilde unter den Menschen um.

(Über diese Angst habe ich in einem Essay von 2016 geschrieben: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/10848770.2017.1368782)

So groß ist die Angst um den Zusammenhalt an sich, dass die Frage nach Gründen, aus denen man vielleicht auch einmal gut daran tut, einen Zusammenhalt aufs Spiel zu setzen, sich in den Debatten immer seltener stellen oder gar in ihren Differenzierungen entfalten kann. Sowohl die „Spalter“, die mit „America first“ oder anderen Nationalismen aus größeren Zusammenschlüssen und den in ihnen ausgehandelten Verträgen ausscheren, als auch die Harmonisierer, die die Abspaltung als solche tendenziell eher strafen wollen, thematisieren ungern die Sachfragen, an denen sich die Geister scheiden – und umso lieber alles, was mit Gemeinsamkeit oder Spaltung als solchen zu tun hat.

Nun ist es in der Menschheitsgeschichte nie strittig gewesen, dass Menschen in einer gewissen Widersprüchlichkeit leben, die der Philosoph Immanuel Kant in seiner Schrift Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht unter dem Begriff der „geselligen Ungeselligkeit“ zusammengefasst hat. Sie können nicht ohne einander, aber sie können auch nur bedingt miteinander.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/idee-zu-einer-allgemeinen-geschichte-in-weltburgerlicher-absicht-3506/1

Aus diesem Grunde beschäftigten sich politische Theorien und politische Debatten sinnvoller- und klassischerweise stets mit den Bedingungen, unter denen dieses oder jenes Miteinander gelingen kann oder scheitern muss. Die loyalitätsfixierte Unterscheidung von Freund und Feind als Merkmal der Politik ist erst eine relativ späte theoretische Erscheinung. Und auch „das Miteinander an sich“ ist nur in bestimmten Konstellationen zum „Wert an sich“ aufgestiegen, nämlich vorzugsweise da, wo Privilegierte ihre Privilegien verlieren würden, wenn die Bedingungen ihrer Privilegien mit den anderen Mitgliedern einer wie auch immer gearteten Gemeinschaft neu verhandelt werden dürften mit der Möglichkeit, dass diese auch aufgekündigt werden könnte. Darum war die Rede von Gemeinschaft tendenziell immer eher konservativ, die von Gesellschaft eher liberal (den Tönnies dazu finden Sie selbst, aber es lohnt sich, im oben zitierten EL-Band einen Blick in Sabina Matthays Text dazu zu werfen!).

Wie einst in Rom, als die Plebejer vor die Stadt zogen und sich weigerten, für die Patrizier zu arbeiten, Menenius Agrippa mit seiner Fabel vom einen Leib, der verschiedene Glieder habe, einer später bekanntlich vom Verfasser des Epheserbriefes beerbten Geschichte, so versuchen auch heute diejenigen, die ihre Privilegien verteidigen möchten, an das Gemeinschaftsgefühl und das in jedem kindgewesenen Menschen schlummernde Verlangen nach unbedingter Bindung, absolutem Vertrauen und rückhaltloser Hingabe zu appellieren, wenn sie mit ihrem „Story-Telling“ in die vernebelnden Debatten ziehen. Wer in diesen Diskurs nicht mit einschwenkt, wird schnell als Spalter und als wenig tugendhafter Mensch ausgemacht. Menschen, die es an Opferbereitschaft und laut herausposaunter Dienstfertigkeit fehlen lassen, Frauen, die gegen Verschärfungen des Abtreibungsrechts protestieren, Menschen, die für ihre Rechte eintreten, auch wenn es gegen die sogenannte Familienehre oder die Integrität einer Religion zu gehen scheint – ihnen hält man gern mal vor, dass sie den Zusammenhalt von dieser oder jener Größe gefährden.

Und was früher der eine Volkskörper war, ist heute gern die Ehe, die Familie oder dergleichen. Der Brexit kann gar nicht oft genug mit Metaphern einer Ehescheidung belegt werden, und die Bezeichnung „Mutti“ für die deutsche Kanzlerin war vielleicht, als sie aufkam, ein erstes Indiz dafür, dass nunmehr an die Stelle der Erwartung „strenger aber gerechter väterlich-gesetzlicher Maßregelung“ durch einen persönlich nie so genannten „Landesvater“ (niemand hätte zu Ernst Albrecht in Niedersachsen liebevoll oder spöttisch „Vati“ gesagt, auch wenn der sich noch so penetrant mit seiner Kinderschar als Vater inszenierte, während Merkel trotz oder wegen ihrer Kinderlosigkeit früh als „Mutti“ einsortiert wurde) eben die noch kindischere Erwartung allseitiger Bedürfnisbefriedigung getreten war. (Zu meiner nicht geringen Freude haben freilich die sarkastischeren Zeitgenoss*innen seit Aufkommen der „Merkel muss weg“- Bewegungen eben diesen infantilen Zug karikiert und immer wieder blödsinnigste und kleinlichste Unglücksfälle aus ihrem Alltagsleben mit einem „Merkel muss weg“ kommentiert).

Mit diesen Befindlichkeiten hat heute zu rechnen, wer die eigene Nase in die Öffentlichkeit hält. So nehme ich es eher als ein Symptom, wenn in meinem Blog „So frei und heiter wie möglich über Religion reden“ immer mal wieder vorwurfsvolle oder auch hämische und grobe Kommentare auftauchen, weil ich Theologie studiert habe und gelegentlich mehr oder weniger öffentlich über Ethik spreche, während ich doch zugleich meinen Personenstand als „geschieden“ angebe.

 

Muss man sowas analysieren? Vielleicht hilft es ja. Also: Solche Kommentatoren halten offenbar im ersten Schritt eine theologische Theorie der bedingungslosen Bindung für a priori gegeben und nicht weiter erklärungsbedürftig. In einem zweiten Schritt glauben sie außerdem, von allen, die sie mit Religion und Theologie irgendwie in Verbindung bringen, auch als gelebte, vorbildliche Praxis sichtbare Beweise der Bereitschaft und Fähigkeit zur bedingungslosen Bindung einfordern zu dürfen: wozu dann eben die Erwartung gehört, dass über Ethik nur glaubwürdig sprechen darf, wer unter allen Umständen lebenslang in Erst-Ehe (oder zölibatär) verbleibt und möglichst auch an einer deutlich erkennbaren dogmatischen Scholle klebt. Gegen eine solche retardierte Auffassung hilft – wenigstens denen, die selbst noch nicht völlig in ihr festkleben – nur eine etwas weniger retardierte und elaboriertere Bindungstheorie, von der das meist tendenziell reaktionäre Gewäsch über die „Bindungslosigkeit unserer heutigen Zeit“ ja in aller Regel eine komplexitätsreduzierte Schwundstufe ist.

Sind Menschen, die sich haben scheiden lassen, bindungslos? Muss man so eine Frage wieder  stellen und beantworten? Selbst seit vielen Jahren nach einer zuvor 12 Jahre gelebten Ehe geschieden, pflege ich, wenn ich wieder mal (und es geschieht wirklich oft!) darauf angesprochen werde, noch einen draufzulegen, indem ich sage: ich bin glücklich geschieden. Und ich hoffe, mich auch noch einmal glücklich neu binden zu können. Manchmal ziehe ich Dowling erneut herbei: Die Scheidung meiner Ehe habe ich, obwohl die Trennung zunächst nicht von mir aus ging, ich sie vielmehr lange aus Ängstlichkeit oder irgendeinem Pflichtgefühl, das niemandem guttat, heraus, krampfhaft zu verhindern versucht hatte, letzten Endes als eine große Erleichterung empfunden. Die Verkrampfungen erwähne ich, weil ich sie später als beispielhaft für die negativen Folgen einer falsch verstandenen unbedingten Bindungsmoral zu verstehen gelernt habe.

Ein weiterer Einwand bleibt nicht bei mir: Die absolute Bindung, eine öffentlich gepredigte Idealisierung des unbedingten Verbleibens in der Erstehe, wie etwa die katholische Moral sie predigt, ist nach meiner Überzeugung lange nicht so human wie sie sich in ihrer biblischen Begründung (gern kombiniert mit Mt 5,28) gibt. Mehr als einmal bin ich Zeugin von entsetzlichen Prozessen geworden, in denen sich einer – meist der Mann – nur dann aus einer solchen (für ihn ja wieder öfter als wir in den 70ern meinten auch beruflich relevanten) Bindung lösen konnte, wenn es ihm gelang, die Frau als krank und auch sonst völlig außerhalb des Menschenmöglichen stehend zu diskreditieren. Denn die Trennung war für ihn ja nur dann verzeihlich, wenn sie eindeutig durch ein Ungenügen der Frau begründet war – so dass ihm als Mann eine realisierte Ehe nicht zumutbar wäre. Eigentlich edelmütig wäre zwar ein Zusammenleben trotz allem gewesen, aber man muss dann auch mal einsehen, dass ein Mann im hohen Berufsleben etwas Unterstützung und eine Frau und nicht nur eine häusliche Belastung braucht? Oder, ebenfalls imho etwas bedenklich, man bleibt verheiratet, der eine (meist eben doch der Mann) lebt in mehr oder weniger „illegitimen“ Verbindungen, hält aber die formale Ehe aufrecht, und die Frau nimmt einen moralischen Vorteil an der Rolle der „verlassenen Gattin“. Kann man alles machen, wenn alle Beteiligten es wollen, aber es erscheint mir nicht besonders fromm oder moralisch. Das wird es nur, wenn man die Unbedingtheit der Bindung als solcher höher hängt als die Qualität der Bindung und die Zeitlichkeit, in der eben auch einmal vorkommen kann, dass gelöst wird, was im besten Glauben als Bindung eingegangen wurde.

Demgegenüber hat das moderne, zivile Scheidungsrecht in Gesellschaften mit Gleichberechtigung der Geschlechter den Vorteil, dass ein Scheitern einer Ehe gedacht werden kann, mit dem dann beide ehemaligen Partner*innen noch einigermaßen unbeschädigt weiterleben – und sich von etwaigen unglücklichen Gefechten zuvor möglicherweise erholen können. Ich befürworte insofern für mich und andere energisch die möglichst friedlich zu regelnde Scheidung, die allen Beteiligten ein Recht auf ein jeweils neues gutes Leben mit neuen Verbindungen zugesteht, und verwerfe geradezu – ganz im Geiste des BGB, das keine „schuldhaften“ Scheidungen mehr vorsieht – alle Moralisierungen der Trennung als solcher. Trennungen ereignen sich, wie andere kritische Entscheidungen. Niemand heiratet ohne ernsten Grund, und niemand trennt sich ohne ernsten Grund. Wo das nicht mehr unterstellt wird, wird schon die Ehe nicht wirklich geschützt, sondern verachtet – und da braucht man dann auch nicht mehr von irgendeiner geselligen Bindung zu reden.

Soviel zur Ehe und ihrer symbolischen Bedeutung. Im nächsten Beitrag geht es dann stärker um Bindung in der psychoanalytischen Bindungstheorie, im darauf folgenden um Loyalität, Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt als politisches Problem. In allen wird eine lockere Bezugnahme auf religiöse Themen nicht fehlen.

Bindungsrhetorik I

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