„Berlin trägt Kippa!“ Unter diesem Motto solidarisieren sich Berliner*innen nach einem antijüdischen Zwischenfall in der Stadt mit allen, die wegen des Tragens einer Kippa als jüdische und/oder israelische Menschen angefeindet werden. Meine Freundin Hannah Molnár* ist nach der ersten Veranstaltung am 25. April

https://www.tagesspiegel.de/berlin/solidaritaetskundgebung-berlin-traegt-kippa-heute-hat-sich-etwas-veraendert/21215618.html

eine Woche lang in ihrem Alltag mit einer Kippa durch die Stadt gegangen. Sie hat aufgeschrieben, wie es ihr damit ergangen ist, und mit ihrer freundlichen Erlaubnis darf ich ihren Text hier veröffentlichen.

 

 

Selbstversuch mit Kippa

Berlin trägt Kippa! Ich kramte diverse Kippot aus meiner Kiste, in der ich ausrangierten Schmuck und Kindheitserinnerungen aufbewahre, und suchte die beiden schönsten aus. Dann eröffnete ich meinem erwachsenen Sohn, dass ich seine Teilnahme an dieser Aktion für unverzichtbar hielt. „Muss ich?“, fragte er maulend. „Das Ding fällt doch eh immer runter. Und … gibt es da auch genug Polizei?“ Ich gebe zu, dass etwas mehr Heldenmut mir besser gefallen hätte, aber andererseits muss man ihm zugute halten, dass er als Jugendlicher von Skinheads angegriffen worden war, weil sie ihn anhand seines Davidsterns als Jude identifiziert hatten. Das ist lange her, der Davidstern war danach in einer Schatulle verschwunden, und seine Kippa hatte er seitdem nur auf dem Friedhof getragen.

 

Große Polizeipräsenz konnte ich ihm versichern, aber die Absturzgefahr der Kippa stellte auf seinem halbkahlen Schädel tatsächlich eine echte Herausforderung dar. An den kurzrasierten Haarstoppeln würde keine Haarklemme halten. Doch der Gang zum Baumarkt löste auch dieses Problem. Die Innenseite seiner Kippa erhielt nun rundum ein Tesa-Moll-Dichtungs-profil. Die Kippa saß sturmsicher auf dem Kopf. Sehr zum Verdruss ihres Trägers, dem die Argumente ausgingen. „Sei froh, jetzt zieht es nicht mehr im Oberstübchen“, witzelte ich.

 

Auf der Kantstraße, ab Savignyplatz, setzte er sie tapfer auf. Wir waren kaum ein paar Schritte gegangen, als uns ein paar arabisch sprechende junge Männer entgegen kamen, von denen einer meinen Sohn so aggressiv anstarrte, dass ich plötzlich verstand, welchen Riesenunterschied es macht, ob ich eine Kippa trage, oder er. „Wenn Blicke töten könnten …“, dachte ich, während ich die Gruppe betont freundlich anlächelte. Sie ließ uns in Ruhe, und wir erreichten unbeschadet die erstaunlich gut besuchte Kundgebung in der Fasanenstraße. Dort hätte es viele Gründe gegeben, zum baldigen Aufbruch zu drängen (Kälte, Wind, klaustrophobische Anwandlungen), doch mein Sohn entwickelte plötzlich großes Interesse an den Rednern und beobachtete die Szenerie. Menschenmassen sind nicht so unser Ding, da waren wir uns einig, aber hier fühlten wir uns richtig. Und auch irgendwie wichtig.

 

Wir haben am gleichen Abend noch viel über den Sinn und die Wichtigkeit solcher Solidaritätsveranstaltungen geredet und darüber, wer von den Rednern abgedroschene Floskeln und Phrasen von sich gegeben und wer neue Anregungen beigesteuert hatte. Ich selbst fand die Idee von Lea Rosh, von jetzt an jeden Freitag eine Kippa aufzusetzen, großartig.

 

Am nächsten Tag beschloss ich, sie probeweise eine Woche lang zu tragen, um ein besseres Gefühl dafür zu bekommen, was sich dadurch für mich verändern würde. Gleich im Treppenhaus machte mir eine junge Nachbarin das Kompliment, ich trüge ja eine sehr schöne Kopfbedeckung. Dass sie leider am Vorabend verhindert gewesen sei. Und auch gar nicht gewusst habe, wo man so eine Kappe kaufen könne. Ich klärte sie auf und bot ihr an, beim nächsten Mal eine bei mir zu auszuleihen. Beim nächsten Mal! Ich scheine fest damit zu rechnen, dass die Anlässe zu weiteren Demos uns nicht ausgehen werden. Auch ging mir durch den Sinn, wie praktisch es doch wäre, Kippot in jedem Drogeriemarkt oder Warenhaus zu finden, gleich zwischen BH-Verschlüssen und Schulterpolstern. Ein klarer Fall für Herrn Busch-Petersen. Hat jemand einen heißen Draht zu ihm?

 

Mein erster Weg mit Kopfbedeckung führte mich zu meinem Hausarzt. Die Kippa überstand den Gesundheits-Check-up ohne Absturz. Der Arzt und seine Assistentin ließen mich wissen, wie gut sie die Aktion „Berlin trägt Kippa“ fanden. Die Patienten im Wartezimmer hatten bei meinem Anblick nicht alle so begeistert ausgesehen.

 

Als ich auf dem Rückweg am Finanzamt Charlottenburg vorbei kam – es war Mittagszeit – trat eine kleine Gruppe jüngerer Leute heraus, die ich, bestimmt ungerechtfertigt, sofort in die „BWL-ler-Schublade“ steckte. Auch ich habe jede Menge Vorurteile. Wir gingen in die gleiche Richtung, ich wenige Schritte vor ihnen. Der junge Mann, offenbar in Begleitung seiner drei Kolleginnen, monologisierte und dozierte über Veranlagungen, während die drei Frauen ihm sparsam beipflichteten, und ich nehme an, es ging um Fiskalisches und nicht um Gene.

 

An der Ampel schließlich gerieten meine Kippa und ich in ihren Fokus. Der Mann sagte halblaut und mit abfälligem Tonfall zu den anderen: „Oh nee, schon wieder eine mit so ‘nem Pisspott auf dem Kopp – hat sich wohl im Tag geirrt.“ Ich drehte mich um: „Reden Sie über mich? Wie kommen Sie auf Pisspott?“ Er war sichtlich irritiert, eine Reaktion von mir zu bekommen. Seine Begleiterinnen guckten peinlich berührt. Er aber setzte trotzig nach: „Is doch wahr! Sieht doch so aus!“ Es ratterte in meinem Hirn. War das jetzt eine antisemitische Bemerkung? Vermutlich doch eher ein Fall von chronischer Pubertätsverschleppung! Imponier- und Überlegenheitsgehabe. Lowbrow. Ich fand seinen Vergleich weniger beleidigend als bizarr, aber konnte ihn natürlich nicht einfach unwidersprochen hinnehmen. Wir gingen über die grün gewordene Ampel und ich zog mein Handy aus der Tasche und bot ihm die Kippa an. „Wären Sie bereit, vor laufender Kamera hineinzu­pinkeln? Ich stelle mir gerade die Schlagzeile vor: Finanzamtsmitarbeiter hält Kippa für Nachtgeschirr … Sie werden berühmt! Wahrscheinlich aber für Ihren Mangel an Hirnmasse.“ Er rief: „Sie sind ja verrückt!“ und ließ sich von seinen Kolleginnen von mir wegreißen. Ich bekenne, mein Beitrag zur kulturellen Verständigung war mir ziemlich entgleist. Mir fehlen wohl einfach die Übung und das nötige Einfühlungsvermögen.

 

Systematisch wollte ich das Personal verschiedener türkischer Läden, in denen ich für gewöhnlich einkaufe, und meinen iranischen Lieblingsimbiss in Hinblick auf ihre Kippa-Verträglichkeit testen. Ich spürte beim Eintreten in die Läden einen kurzen Moment der Verwirrung bzw. der Unsicherheit, der aber überall von besonders freundlicher Bedienung wettgemacht wurde. Im Nuss-Laden, in dem ich gebrannte Mandeln kaufte, legte die Verkäuferin noch ein paar Extragramm drauf, was sie noch nie getan hatte, und der Mann im Imbiss wollte nicht mal Geld für meine Bestellung. Das fand ich sehr nett, aber etwas übertrieben, und ich beglich meine Rechnung unter seinem Protest. Die vorwiegend iranischen Stammkunden, die auf den Imbiss zusteuerten, den ich gerade verließ, sahen noch verwirrter aus als eben noch der Besitzer. Wir gewöhnen uns eben schnell an Symbole und halten manche Konstellationen für eher unwahrscheinlich. Da geht es mir häufig nicht anders.

 

Die Sache begann, mir Spaß zu machen. Die Menschen, so konnte ich an den folgenden Tagen feststellen, reagierten sehr unterschiedlich auf meine Kopfbedeckung. In der U-Bahn wurde ich teilweise unverhohlen angestarrt. Weil ich für eine Weile vergessen hatte, dass ich eine Kippa trug, war ich im ersten Augenblick irritiert und davon überzeugt, einen Fleck auf der Bluse oder einen Popel an der Nase zu haben. Nur mein Spiegelbild in der Wagentür erinnerte mich schließlich an den Grund des Aufsehens, das ich erregte.

 

Im Bus bot man mir einen Platz an, obwohl es noch viele freie Sitze gab. Judenbonus? Solidaritätszuschlag? Mitleidsbezeugung? Vermutlich Letzteres, denn ich sah aufgrund einer Medikamenten-Unverträglichkeit etwas triefäugig aus und musste mir ständig die Augen wischen. Ich bediente offenkundig alle Klischees. Setzen Juden nicht ständig auf die Mitleidsmasche? Um etwas Unerwartetes zu tun, warf ich als Einzige im Abteil einem mit recht viel Pathos bettelnden jugendlichen Rom ein paar Münzen in den Becher. Ich gestehe, ich tat es mit Kalkül. Den Erwartungen nicht zu entsprechen, kann sehr befriedigend sein.

 

Taxi-Fahren mit Kippa ist auch eine Sache für sich. Eigentlich gehöre ich zu den kommunikativen Kundinnen, interessiere mich meistens für die Herkunft der nicht akzentfrei sprechenden Fahrer und stieß bislang überwiegend auf auskunftsfreudige und unterhaltsame Gesprächspartner. Mit Kippa tragender Kundschaft scheint sich das Interesse an Unterhaltung auf das Abfragen der wichtigsten Informationen zu beschränken. Den Rest erledigt das laut aufgedrehte Radio. Ein Taxifahrer nahm mich gar nicht erst mit. Er sah mich winken und fuhr nach kurzem Zögern weiter. Meine Taxi-App zeigte an, der Fahrer habe die Tour abgebrochen. Fast war ich ihm dankbar. Allerdings sei dabei erwähnt, dass die Taxidichte in meinem Bezirk ungewöhnlich hoch ist und sich schnell Ersatz findet.

 

Im Fitness-Studio, in dem ich bislang immer geradezu stürmisch begrüßt worden war, begegnete man mir mit höflicher Zurückhaltung. Ich loggte mich ein und wollte mich gerade zur Umkleide begeben, als mich der Trainer diskret zur Seite nahm. „Du willst aber nicht mit dem Ding da trainieren, oder? Religiöse Symbole sind hier nämlich nicht erwünscht!“ Natürlich hatte ich nicht vorgehabt, mit der Kippa zu trainieren, aber jetzt bekam ich große Lust dazu. Ich startete zum Gegenangriff: „Mal davon abgesehen, dass das für mich persönlich überhaupt kein religiöses Symbol ist, sondern ein Zeichen der Solidarität und der Ausübung unserer Grundrechte, können muslimische Frauen hier doch auch mit Hijab trainieren. Wieso machst du da Unterschiede?“ Er kam sichtlich ins Schleudern und argumentierte, die beiden Kopftuch tragenden Frauen könne man ja schlecht ausschließen, im Gegenteil, man müsse schließlich froh sein, dass sie mit Erlaubnis ihrer Familien bzw. Ehemänner überhaupt kommen dürften! Ich verbesserte ihn: „Man muss froh sein, dass sie ihr Recht wahrnehmen, hier mit oder ohne Hijab zu trainieren, und das gleiche Recht nehme ich jetzt auch für mich in Anspruch!“ Am Ende sah er es ein. Und ich nahm fürs Training die Kippa ab.

 

Beschimpft wurde ich ein einziges Mal, und zwar von einem Knaben mit Flaum auf der Oberlippe, der mit seinen Freunden vor einem der Spielplätze abhing, an denen ich immer vorbeigehe. „Scheißjude“, rief er und ich korrigierte ihn. „Wenn schon, dann Scheißjüdin, wenn ich bitten darf!“ Er überschlug sich fast: „Judennutte!“. Ehrlich gesagt, rang ich um Worte. Mir fiel nichts Besseres ein, als mit tadelndem Großmutterblick zu sagen: „Na, du kennst ja schlimme Wörter …“ Woraufhin sein Freund lautstark erklärte, alle Juden seien Nutten, das stünde im Koran. Ich konnte der Versuchung, die beiden ebenfalls in ihrer Ehre zu kränken, nicht widerstehen und sagte im Vorbeigehen: „Das halte ich für ein Gerücht, dass sowas im Koran steht. Aber betet zu Allah, dass Euch noch etwas Hirn wächst, bis ihr groß seid!“ Sie sprangen wütend von der Bank, begleitet von zwei weiteren, bis dahin stummen, nun aber schwer empörten Pubertierenden. Sie folgten mir, überschütteten mich mit Flüchen, aber beließen es bei verbalen Schmähungen. Ich nehme an, meine weißen Haare und mein fortgeschrittenes Alter haben mich geschützt. Aber mir war nun doch etwas blümerant zumute und ich war froh, dass sich mein Zuhause nur wenige Meter vom Ort der Auseinandersetzung entfernt befand und ich sie schnell abschütteln konnte. In meinem Haus fühle ich mich sicher. Ich habe sympathische türkische und iranische Nachbarn, die ich notfalls hätte bitten können, für die Abkühlung der Gemüter zu sorgen. Zur pädagogischen Arbeit mit jungen Antisemiten scheine ich eher nicht zu taugen.

 

Dieses Erlebnis zog einige heftige Diskussionen mit meinem Sohn nach sich, der mich beschwor, das Experiment abzubrechen. Mit Kippa auf die Straße zu gehen sei – von bewachten Kundgebungen mal abgesehen – lebensgefährlich und letztendlich egoistisch, denn ich habe ja schließlich auch eine Verantwortung meinen Kindern gegenüber. Mir war klar, dass er sich Sorgen um mich machte und alle Register zog. Ich hielt mich aber gar nicht für so unvernünftig und fahrlässig, wie er mich darstellte, auch wenn wir uns nicht über den angemessenen Umgang mit aggressiven Menschen einigen konnten. Ich bin nun mal nicht geeignet fürs Auf-Durchzug-Stellen-und-Reden-Lassen. Zugegeben, mit Deeskalation hatte mein Verhalten im geschilderten Fall nichts zu tun. Das ist auch schwierig, wenn man selbst Zielscheibe ist. Ich nahm mir vor, zu Hause vorläufig keinen Bericht mehr zu erstatten.

 

Die meisten Leute begegneten mir während meines Selbstversuchs mit Gleichgültigkeit, viele aber auch mit Neugier oder wohlwollendem Blick. Letztere konnten die Aktion offenbar richtig einordnen. Ein älterer Herr schaute mich traurig an und sagte kopfschüttelnd „Sie müssen lebensmüde sein!“ Auf ein Gespräch ließ er sich nicht ein. Gern hätte ich ihn gefragt, welche Erfahrungen ihn zu dieser Einschätzung gebracht hatten. Viel Phantasie gehört ja leider nicht dazu. In der Nazi-Zeit dürfte er ein Jugendlicher gewesen sein.

 

Mehr als entspannte Gleichgültigkeit soll man von der Bevölkerung nicht verlangen, denke ich. Schließlich geht es nicht darum, mit der Kippa im Mittelpunkt zu stehen. Vielmehr sehe ich das Kippa-Tragen als eine Desensibilisierungskampagne, angeregt von Sensibilisierten. Allergien bekämpft man in kleinen Dosen. Und wenn körperliche Fehlhaltungen korrigierbar sind, klappt es ja hin und wieder möglicherweise auch bei sozialen Haltungsschäden?

 

Sogar in einer Moschee war ich mit Kippa! Da es sich aber um eine weltoffene Moschee und nur um die Einladung zu einer Buchvorstellung gehandelt hatte, kann man nicht von einer Mutprobe sprechen. Unter den bunt gemischten Gästen fiel ich überhaupt nicht auf. Später, im U-Bahnschacht, überholte mich eine junge, modern gekleidete Türkin. Nach Luft ringend stellte sie sich mir in den Weg (offenbar war sie meinetwegen gerannt), ging ein bisschen in die Hocke, um mich quasi von unten nach oben anzusprechen, und fragte neugierig: „Entschuldigen Sie, Sie sind doch aber eine Frau, oder?“ Ich musste lachen und bestätigte ihre Vermutung. „Aber warum haben sie denn dieses Käppi auf dem Kopf? Ich dachte …“ Inzwischen waren auch ihr Mann und ihre drei kleinen Kinder eingetroffen und umringten mich wie die Attraktion des Abends. Ich erklärte Ihnen, warum ich das Ganze mache, und erzählte ihnen von dem Vorfall, der zur Aktion „Berlin trägt Kippa“ geführt hatte. Sie hatten weder von dem geschlagenen arabischen Israeli, dem das Aufsetzen einer Kippa zum Verhängnis geworden war, noch von der Solidaritätsaktion gehört und waren wie ich der Meinung, jeder Mensch solle doch auf dem Kopf tragen, was immer er wolle. Dass sie mir ausdrücklich versicherten, wie richtig sie es finden, für diese Freiheit einzutreten, hat mich sehr gefreut.

 

Auf dem Markt kam eine begeisterte Israelin auf mich zu: „Shalom! Ma nishma?“ Ich fürchte, schon das dreisilbige „Sababa!“ verriet meinen deutschen Akzent, denn sie wechselte gleich ins Englische. Sie hatte, wie sie mir erzählte, ebenfalls an der Kundgebung teilgenommen. „You know, I don’t care about religion at all but here in Europe I feel more Jewish than ever before“, sagte sie.

 

Dass ich „nur eine Solidarische“ bin, wie ein Mann fortgeschrittenen Alters im Café seiner Frau erklärte, war wahrscheinlich den meisten einigermaßen informierten Menschen klar. Verschiedentlich wurde ich darauf hingewiesen, dass bei den „echten Juden“ nur die Männer ein Käppi trügen. Ich lobte sie geduldig für ihre Kenntnisse, machte sie aber darauf aufmerksam, dass Ausnahmen die Regel bestätigten und es durchaus jüdische Gemeinschaften gebe, in denen man das ganz anders handhabe.

 

Einmal aber fehlte mir die Geduld. Da belehrte mich ein besonders notorischer Bescheid-wisser mit den Worten: „Eine jüdische Frau würde niemals eine Kippa tragen!“, was ich konterte mit: „Wieso, Sie sehen doch, dass eine es tut!“ In solchen Fällen setze ich mich gerne mal über alle halachischen Regeln hinweg. Es ist ja für einen guten Zweck.

 

In der Supermarktschlange sprach mich unvermittelt ein ca. 40-jähriger Mann an und ließ mich in gebrochenem Deutsch wissen, dass er nicht verstünde, was das Ganze solle. „Hast du kein Mann für Mütze? Musst du selber tragen?“ Ich überlegte kurz, ob ich ihn mit Hinweis auf „Mann tot“ in Verlegenheit bringen sollte, erklärte ihm aber stattdessen, ich wolle dazu beitragen, dass sich die Leute endlich an den Anblick dieser speziellen Kopfbedeckung gewöhnen. Und wie interessant es sei, mit wem man auf diese Weise ins Gespräch komme. Er sprach ein paar Worte mit seiner Frau, deren Schönheit weitgehend von ihrem Kopftuch verhüllt wurde. Ich verstand nicht, was er ihr erklärte, aber beide guckten mich verständnislos an. „Aber ist Männerhut!“ erklärte er mir. „Macht nichts!“ verkürzte ich meine Ausführungen und fügte aufmunternd hinzu: „Gehen Sie mal einen Tag mit Kopftuch auf die Straße! Ist interessant!“. Der Vorschlag kam nicht gut an. He was not amused.

 

 

Berlin, 2. Mai 2018

Hannah Molnár

*Name auf Wunsch der Verfasserin geändert

 

 

Gastbeitrag: Selbstversuch mit Kippa

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