Foto eines Hauses mit GraffitiEs ist wieder Zeit, so ernsthaft wie nötig, so frei und heiter wie möglich über Religion und Politik zu sprechen. Vor zehn Jahren habe ich in meinem ersten Blog, dem EinSatzBuch, die Religionsfragen, mit denen ich im Hauptberuf beschäftigt war, erst einmal nur heiter genommen – und allenfalls dem Vogelpersonal meiner fiktiven EinSatzLeitung Sätze zur Religion in den Mund gelegt (siehe Eintrag 25.1.2011). Das war – für mich – eine schöne Lockerungsübung und hat wohl auch zuweilen LeserInnen erreicht. Inzwischen hat sich die deutsche Öffentlichkeit daran gewöhnt, dass religiöse Fragen überall im Alltag wieder gegenwärtig sind. Wir sehen religiöse Symbole an Gebäuden und in den Kleidungen der Leute, wir werden in Diskussionen um Kopftücher, Kreuze und Kippot gerissen und haben neuerdings neben den konservativeren Formen des Islam auch eine ganz besonders fortschrittliche Variante in der Ibn Rushd Goethe Moschee in der Stadt. Eine eigene Frage betrifft die Mitte Berlins: Ist die Entscheidung des Stiftungsrates für das Kreuz auf der Kuppel des Stadtschlosses richtig?

Als kritische und selbstkritische Christin fand ich das keineswegs selbstverständlich, denn dass nicht jeder das Symbol des Kreuzes mit „Versöhnung“ verbindet, ist mir absolut verständlich.

Dennoch gibt es hier meiner Ansicht nach zwei gewichtige Argumente FÜR ein Kreuz auf der Kuppel:

  1. wenn sich eine Stadt für ein architektonisch restauratives Stadtschloss als ihren Ort der Ausstellung ihrer Sicht auf die kulturelle Vielfalt entscheidet – dann gehört zu dem restaurativen Outfit (für das ich aus Geschmacksgründen niemals plädiert hätte, das ich aber als eine Entscheidung der entsprechenden Mehrheiten und ein Ergebnis großer bürgerlicher Einsatzbereitschaft respektiere) auch das Kreuz.
  2. Es gibt absolut keinen Grund, die Gastgeberpflichten so weit zu überdehnen, dass man als spezifischer Gastgeber gar nicht mehr kenntlich wäre. Diese üblich gewordene (Selbst-)-aufforderung zur „Ich- und Gesichtslosigkeit“ ist in der Tat eine knechtische Geste, die auch gerade von den Radikalen anderer Religionen so verstanden wird. Selbst wenn wir – wie es geplant ist, und wie ich es absolut richtig finde – in hohem Maße selbstkritisch mit der eigenen Kolonialgeschichte umgehen, und gerade dann, müssen wir auch zeigen dürfen, in welchem Geist wir uns selbst autonom zur Selbstkritik entscheiden können.

Wir erwarten auch dort, wo wir selbst zu Gast sind, doch nicht, dass die Gastgeber uns zuliebe auf ihre Traditionsmerkmale verzichten – im Gegenteil, wir kommen hin, um sie als die zu sehen, als die sie sich uns zeigen wollen.

Freilich bleibt kritische Aufmerksamkeit gegen eine wachsende restaurative Tendenz geboten. Gerade „in religionibus“.

http://www.tagesspiegel.de/politik/kreuz-debatte-am-humboldt-forum-berliner-stadtschloss-bekommt-kuppelkreuz/19970628.html“

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So frei und heiter wie möglich über Religion und Politik sprechen

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