Die Idee eines Gottes, der in den höchsten Höhen der Welt thront und gnädig oder ungnädig auf das menschliche Treiben herabsieht, ist von jeher mit ambivalenten Gefühlen verbunden. Sie tröstet – man ist so schön geborgen – und erschreckt – man kann nichts vor ihm verbergen. Was aber viele sicher zu wissen glauben, ist, welche Position den Frauen dort drunten zukommt. Sie sollen den Männern dienen und selbst möglichst nicht in Erscheinung treten, oder doch nur, wenn sie ausdrücklich dazu aufgefordert werden und anlassgerecht sexy oder züchtig, elegant oder bescheiden gekleidet sind. In der übrigen Zeit dürfen sie unter Vorhängen oder hinter vergitterten Fenstern sitzen und Ideen produzieren, die dann von Männern art- und formgerecht im Sinne des Höchsten weiterbearbeitet werden.

Dr. Gesine Palmer Schreibtisch aus Vogelperspektive (Foto: Nico Mayrock)

Diese Bedingungen zu lockern, ist weltweit wieder schwieriger geworden. In manchen Gegenden versuchen es tapfere Frauen, indem sie – wie im Iran – sich heimlich etwas Freiheit stehlen, oder – wie in Saudi-Arabien – zumindest in von Männern nicht besetzten Räumen ein bisschen was lernen, trainieren und bunte Kleider tragen. Der gute Gott beziehungsweise seine männlichen Sachwalter erlauben es zum Teil, denn sie wissen selbst, dass auch die grundsätzlich durchaus belastbaren Frauen irgendwie leblos werden, wenn man ihnen unter allen Umständen alles verbietet. Also darf es HINTER den Gittern und UNTER den Bedeckungen ruhig bunt zu gehen. Umgekehrt bemühen sich in der westlichen Welt manche Menschen, die doch ein wenig „übertriebene Genderei“ wieder einzudämmen.

Eine Zeit lang sah es so aus, als hätten sich selbst die Geistlichen der Internationale der Religiösen Reaktion daran gewöhnt, dass in der westlichen Welt und unter westlichem Einfluss ein gewisser Prozentsatz von Frauen ausfällt und mit der jeweiligen Herkunftsreligion nicht mehr viel zu tun haben will. Und dann kommt – mitten in Berlin – Seyran Ates. Die sagt einfach, sie mag den Islam immer noch, sie will ihn nicht aufgeben. Sie will modern leben – UND sie will ihre Tradition mitnehmen. Da ist das Geheule größer als bei all den vielen Apostatinnen, die entweder still aufgegeben oder spektakulär entsorgt werden. Denn Seyran Ates geht nicht einfach: sie geht vielmehr aktiv und offensiv mit der Tradition um und zeigt ihre Liebe zur Tradition, indem sie sich als Vorbeterin unter dem Schutz einer westlichen Regierung und der Evangelischen Kirche in Deutschland in eine eigens gegründete Moschee stellt und eine neue Form des Islam lebt und lehrt. Das alles ist nicht nur für die Irren der muslimischen religiösen Reaktion, die ihr in absolut erschreckender Maßlosigkeit mit Mord drohen, problematisch. Es erinnert auch die Naseweise unserer eigenen Tradition daran, wie wenig selbstverständlich ist, dass „wir“ eine Reformation und eine Aufklärung durchlaufen haben, „sie“ hingegen noch nicht.

Nicht nur habe noch ich als geborene bundesrepublikanische Pfarrerstochter die Erfahrung gemacht, dass meine eigene Weise, sehr kritisch die Lehre meiner Väter zu studieren und zu interpretieren, weit stärker zu „verletzen“ schien als die stille Abwendung meiner Geschwister. Tatsächlich lese und höre ich immer öfter von katholischen wie evangelischen Christen, dass man es mit dem „Gender“ doch etwas übertrieben habe und nun endlich sich wieder auf die eigentlichen höheren Wahrheiten des Christentums zu besinnen habe. Wer als christlicher Deutscher eine Frau mit „Potential“ wieder auf den Pfad der Tugend zurückholen will, macht das weniger auffällig als die Islamisten. Man stürzt niemanden von einer Brücke und publiziert keine Morddrohungen. Man macht es eher still würgend, man greift auf die ziemlich giftige Mischung von Psychologismus und Glaubenslehre zurück, um das eigene Verständnis von Seelenheil und Traditionsschutz durchzusetzen. Wäre ich einfach Pastorin geworden, wäre mir das in meiner Kirche in meiner Generation tatsächlich erlaubt worden. Darin ist meine Kirche tatsächlich zusammen mit einigen liberalen Formen des Judentums einzigartig in der Welt der monotheistischen Religionen. Aber diejenigen, die aktiv und offensiv mit ihrer Religion umgehen und sie als ihre reklamieren, werden von der IRR wohl auch „bei uns“ noch als bedrohlicher empfunden als diejenigen, die – völlig legitimer- und dankenswerterweise die Plätze nutzen, die man ihnen von sich aus inzwischen (und nach langen Kämpfen) einräumt. Erstaunlich finde ich nach wie vor, dass man sie offenbar religionsübergreifend sogar für bedrohlicher hält als diejenigen, die einfach ganz gehen.

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Von ungeheuer oben

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