Ein berühmt gewordenes Buch von Eckard Nordhofen beschäftigt sich unter dem Titel „Der Engel der Bestreitung“ mit der Tradition der negativen Theologie. Als Engel der Bestreitung wird die fruchtbare Folge bezeichnet, die sich daraus ergibt, dass man bestreitet, wirklich etwas über Gott zu wissen. Die negative Theologie gehört für mich zum Größten, was die Theologie hervorgebracht hat. Freilich, heute gibt es eher einen anderen Engel der Bestreitung: dieser ist ein Angestellter des Vatikan und bestreitet solange es irgend geht Mitwisserschaft oder Täterschaft an den schrecklichen Missbrauchsverbrechen, bestreitet, dass diese etwas mit den Strukturen der Kirche zu tun hätte, etc. Ich halte ihn vielleicht nicht für einen gefallenen, sehr wohl aber für einen fälligen Engel. Er ist aber verblüffend resilient. Warum? Dazu möchte ich hier ein bisschen weiter ausholen.

In der norddeutsch-lutherischen Monokultur, in der ich aufgewachsen bin, waren die ersten Nachrichten über die Existenz von Katholiken vom reformatorischen Befreiungsnarrativ bestimmt: Die Kirche sei einerseits überstreng gewesen – Zölibat und Ordenswesen – andererseits grundkorrupt – Ablasswesen – und deswegen habe Dr. Martin Luther die Konfrontation mit dem Papst gesucht, gefunden und mit der Gründung einer eigenen, freieren und ehrlicheren Kirche, der unseren, quittiert. Ein trauriges Bild von der sprichwörtlichen „katholischen Falschheit“ malte dann Heinrich Böll, dessen Werke in der Schule gelesen wurden. An der Uni schließlich erklärte man uns mit Max Weber, dass eigentlich wir Protestant:innen die Schlimmen, die Strengen und die kapitalistischen Schurken seien. Untermauert wurde diese letzte Hypothese durch jene berühmte Szene in Monty Pythons Film „Der Sinn des Lebens“, in der im katholischen Slum von Yorkshire zahllose arme Kinder geboren werden, während das exilprotestantische Ehepaar verkniffen zuschaut: die beiden sind stolz darauf, dass sie ehelichen Sex mit Verhütungsmitteln haben dürften, balancieren sich aber hochkomisch um die Feststellung herum, dass sie dazu keine Lust haben. Und die Vermutung wird nahegelegt, dass sie deswegen keine Lust haben, weil keinerlei negative Folgen zu befürchten sind, deren Drohen, wie es ein Gemeinplatz will, die Lust nun einmal erst aufzureizen pflegt.

Am Ende einer Bildungskarriere von norddeutscher Dorftugend zu Monty Python konnte sich durchaus Scham an die Stelle von Stolz gesetzt haben, wenn man an die eigene protestantische Konfessionalität dachte. Zumal wenn man dann auch noch den amüsierten Blick Heinrich Heines auf das katholisch-evangelische Missverständnis bewundernd gelesen hatte, der schrieb, dass nach katholischer Weisheit es erlaubt sei, ein schönes Mädchen zu umarmen, solange man dabei nur zugebe, dass es eine Sünde sei. Freilich, attraktiv wurde die scheinbar weisere Haltung der katholischen Kirche zum überkomplizierten Problem der Sexualität vor allem durch das Beichtwesen: An dessen Ende komme, so versicherten katholische Kommilitonen, die keineswegs besonders fromm sein mussten, immer heraus: „Einen fröhlichen Sünder hat Gott lieb.“ Damit scheint es heute gründlich vorbei zu sein. Denn es hat sich gezeigt, dass das derartig die Absolution spendende Personal der Kirchen selbst nicht nur nicht über schwere sündige Verstrickungen erhaben ist – was es sein sollte, wenn die Absolution der anderen Sünder funktionieren soll. Vielmehr stellt sich seit einigen Jahren heraus, dass die höhere katholische Geistlichkeit geradezu systematisch in Sexualpraktiken verwickelt ist, denen gegenüber auch Anwält:innen einer liberalen Haltung zur Sexualität mit Grund und Recht endlich keinen Spaß mehr verstehen.

Missbrauchsereignisse werden in den letzten Jahren in vielen verschiedenen Institutionen aufgedeckt – aber die katholische Kirche steht in besonderem Maße am Pranger. Dies wohl auch deswegen, weil ihre alte Haltung zu den Vergehen der „eigenen Leute“ nicht mehr verständlich ist und nicht mehr funktioniert. Das protestantische Vorurteil gegenüber der „Falschheit“ der Katholik:innen enthielt ja ein Körnchen Wahrheit: wer sich im vertraulichen Beichtgespräch von seinen Sünden entlasten konnte, hatte sein Gewissen beruhigt. So von quälenden Gewissensbissen erlöst, durfte er es vollkommen richtig finden, allen anderen Menschen, auch den Opfern seiner Untaten gegenüber, zu schweigen, zu leugnen, zu bestreiten und weiterzumachen. Ein besonders wirksamer Schutzmantel war dabei offenbar die eigene strenge Pose, mit der weiter über alle möglichen Formen sexuellen Fehlverhaltens anderer gerichtet wurde. Als protestantisch erzogener Mensch mit diesem permanenten Gefühl, das, was man glaubte, auch im Lebensalltag zeigen zu müssen, mit diesem gewissen Heroismus der eigenen Wahrhaftigkeit, habe ich im ganz alltäglichen Umgang mit katholisch aufgebrachten Menschen oft gestaunt, in welche Schieflage ich da geraten konnte: Gestand ich, wie es „bei uns“ als ehrenhaft galt, einen Fehler ein – so war das in „ihren“ Augen eine Dummheit, und der Fehler wurde in ihren Augen durch das Eingeständnis nicht etwa leichter, wie ich erwartet hätte, sondern schwerer. „Wenn du es schon selbst so sagst, dann muss ja noch viel mehr dahinter stecken!“ Die Logik beider Modelle ist in sich jeweils durchaus verständlich: Als Protestantin zeige ich mein Gottvertrauen, indem ich einen Fehler freimütig eingestehe, für eventuelle Opfer Verantwortung übernehme und hoffnungsvoll Mühe walten lasse, in Zukunft diese Sünde nicht mehr zu begehen. Nicht dass diese Haltung wirklich in protestantischen Kreisen vorherrschte, aber so ist die Idee. Das Bekenntnis vor Gott und der Welt ist der Anfang der Erneuerung. Dies gilt für jeden Einzelnen, denn jeder Einzelne, gering oder groß, ist gleichunmittelbar zu Gott und Welt. Das katholische Prinzip wäre demgegenüber: Hast du gesündigt, so geht das niemanden etwas an. Wichtig ist, dass die Sünde bedeckt wird und den Mantel der Institution nicht beschmutzt, denn ohne eine sich als fehlerlos darstellende geistliche Autorität werden die Menschen die Orientierung verlieren (so argumentiert in der berühmten Szene aus Dostojewskis „Die Brüder Karamasov“ der „Großinquisitor„. Entsprechend sorgt sich die katholische Kirche vor allem um ihre eigene Glaubwürdigkeit – eine Sorge, die Pater Klaus Mertes mit Recht „institutionsnarzisstisch“ nennt, auch wenn sie durchaus im Sinne der zu Beginn dieses Textes erwähnten Topoi von einer Art paternalistischer Verantwortung diktiert werden kann.

Der Protestant reinigt sich durch den Engel der Wahrheit, der Katholik durch den Engel der Bestreitung, indem er einfach so lange es geht alles abstreitet?

Man kann mit Blick auch auf andere Kulturen beiden Strategien bei aller Kritik durchaus etwas abgewinnen. Die Lern- und Erneuerungsfähigkeit der protestantischen Energie hat sicher die Moderne, wie wir sie hier kennen, wesentlich mitgestaltet. Und tatsächlich ist der Mitgliederverlust der Katholischen Kirche im wesentlichen auf die sogenannte westliche Welt beschränkt. Da die katholische Kirche aber Weltkirche ist, kann sie das, aufs Ganze gesehen, durchaus mit Gelassenheit quittieren. Denn auf den Kontinenten der Südhalbkugel wachsen ihr ständig weitere Mitglieder zu und nach. Und zwar nicht irgendwelche Mitglieder – sondern Mitglieder, die in Machokulturen heranwachsen, denen alle unsere westlichen Kriterien vom Wohl des seelisch integren Individuums, der emanzipativen Autoritätskritik und eines Rechts der Geführten gegen ihre Anführer vergleichsweise egal sind.  Offenkundig hat die Katholische Kirche mit ihren jahrhundertealten Traditionen, mit ihrer Prachtentfaltung im Fürsorgegestus, mit ihrer Fürsorgeentfaltung aus einem männerbündischen Kraft- und Machtzentrum, mit ihrer im Angesicht der allgemeinen Verbreitung der Moderne oft als ziemlich dreist empfundenen Behauptung von Transsubstantiation und Dogmenglauben, nach wie vor weltweit großen Erfolg. Dabei ist die Bestreitung der sündigen Verstrickung durch das Führungspersonal durchaus Teil der institutionellen Stärke.

Nichts läge mir ferner, als der Katholischen Kirche ihre Stärke zu missgönnen. Ich empfange immer wieder wichtige gedankliche Impulse von ihr und staune oft über eine Kultur des Erbarmens, die sich zuweilen an Stellen zeigt, an denen ich Angehörige meiner Konfession oft als eher erbarmungslos erlebe – aber letztlich macht uns wohl kein Glaube und keine Tradition sicher vor unserer eigenen Fehlbarkeit. Und darum glaube ich, es ist gut, dass die katholische Kirche durch immer neue Erkenntnisse über die Verstrickung ihrer Führungsspitze wenigstens in der westlichen Welt an eine Grenze gelangt ist. Sie hat Grund, ihre Haltung zur Kultur von innerer Reinigung und äußerer Geschlossenheit noch einmal gründlich zu überdenken – und muss dabei ja keineswegs in die Fallen des Protestantismus tappen (der sich in der Missbrauchsfrage aus anderen Gründen keineswegs mit Ruhm bekleckert). Niemandem sind die negativen Folgen einer zu Recht bespöttelten Kultur der protestantischen Dauerzerknirschtheit zu wünschen, und auch die methodische Lebensführung mit all ihren Exzessen der Gesinnungserziehung haben, ob bekennend protestantisch oder säkularisiert, ihre schwarzen Seiten (wie sich durchaus auch am Umgang entsprechender Institutionen und Personen mit ihren eigenen Missbrauchsskandalen zeigt). Aber es sind dann doch die protestantischen Kulturen dieser Welt, in denen die Einzelseele es zu so einer kulturellen Bedeutung gebracht hat, dass man ihr nicht mehr unter allen Umständen schweigsamen Gehorsam gegenüber der religiösen Autorität zumutet. Wenn die katholische Kirche die ihr anvertrauten Seelen liebt, wenn sie das im Gesamtrahmen einer demokratischen Welt tun will, dann tut sie gut daran, das Eingeständnis von Fehlern auf den Führungsebenen weniger „delikat“ – und offener für demokratisch-selbstkritisches Procedere zu handhaben.

Der andere Engel der Bestreitung – Über das Fehlen einer Fehlerkultur im katholischen Umgang mit der Missbrauchsepidemie

3 Kommentare zu „Der andere Engel der Bestreitung – Über das Fehlen einer Fehlerkultur im katholischen Umgang mit der Missbrauchsepidemie

  • 31. Januar 2022 um 9:05 pm
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    Da werden eins ums andere die Verfehlungen der katholischen Männer und deren Entlastung in der Beichte geschildert… und dann das:
    „Das protestantische Vorurteil gegenüber der „Falschheit“ der Katholik:innen enthielt ja ein Körnchen Wahrheit.“
    Da hat das zwanghafte Streben nach Gender-Gerechtigkeit die Autorin verführt, auch Frauen und Diversen in der Katholischen Kirche Verfehlungen nahezulegen, obwohl wir doch gerade so richtig über die verklemmten Priester vom Leder ziehen? Es ist schon ein Abgrund, in den wir da schauen. Ein Abgrund der falschen Grammatik, die nach Platon durch falsche Begriffe falsche Gesetze zur Folge hat.

    „… auf den Kontinenten der Südhalbkugel wachsen ihr ständig weitere Mitglieder zu und nach. Und zwar nicht irgendwelche Mitglieder – sondern Mitglieder, die in Machokulturen heranwachsen, denen alle unsere westlichen Kriterien vom Wohl des seelisch integren Individuums, der emanzipativen Autoritätskritik und eines Rechts der Geführten gegen ihre Anführer vergleichsweise egal sind. “
    Das ist ja nunmehr wirklich eine kolonialistische Entgleisung, die allen Afrikanern, Südamerikanern sowie Südasiaten die Kompetenz zu menschlicher Entwicklung und freiem Leben als geliebte Gotteskinder abspricht ?! Warum spricht sie nicht gleich vom Neger, der das nicht in seinen Genen hat ?!!!
    Ob die Autorin selbst sich der Wertung anschließt, die „als ziemlich dreist empfundenen Behauptung von Transsubstantiation und Dogmenglauben“ zu verwerfen, lässt sie offen. Sie hat als Protestantin anscheinend einfach keine Ader dafür. Herr, lass Deinen Heiligen Geist auf die Brüder und Schwestern der protestantischen Bewegungen herabregnen!

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    • 1. Februar 2022 um 8:37 am
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      Sehr geehrte Frau Dr. Pistner, für Ihren ziemlich scharfen Kommentar bedanke ich mich. Da Sie mit Klarnamen zeichnen, wird er hier selbstverständlich mit gezeigt. Ich möchte folgendes erwidern:

      – Dass wir in Sachen „Gender-Gerechtigkeit“ in der Sprache offenkundig unterschiedlicher Auffassung sind, ist sicher eher eine politische als eine im engeren Sinne grammatische Differenz (und über Fragen der „Zwanghaftigkeit“ hätten wir sicher eine harte, sachliche Auseinandersetzung nötig).
      – Dass ich „über verklemmte Priester vom Leder ziehe“, ist eine Verschärfung Ihrerseits, die ich bedauere. Meine Verehrung für Platon hält sich in überschaubaren Grenzen, und ich bin auch sehr gegen den Pflichtzölibat. Aber ich weiß, dass man auch ohne aktives Geschlechtsleben klarkommen und ein relativ freier Mensch sein kann, ich bin konsequente Feministin und schätze redliche Männer aller Lebensweisen sehr – dass Sie mich so in eine geifernde Ecke stellen, empfinde ich als ein verletzendes, und womöglich auch böswilliges Missverständnis, halte Ihnen aber zugute, dass Sie sich als Katholikin durch meinen Text angegriffen fühlen (auch wenn ich versuche, Aggressionsüberschuss zu vermeiden).
      – Besonders bedenklich erscheint mir die „kolonialistische“ Missverständlichkeit meiner Bemerkung über das, was ich Machokulturen nenne. Ich meine damit kulturelle Ordnungen, in denen den Männern immer mindestens doppelt so viel erlaubt ist wie den Frauen. Natürlich freue ich mich, wenn christlicher Glaube oder irgendein anderer Impuls Männern und Frauen erlaubt, an solchen Ordnungen verändernd zu wirken. Ich halte lediglich nichts davon, unter Berufung auf diese Abteilungen der Weltkirche auch hier notwendige und mögliche Fortschritte zur (nach meiner Ansicht tiefchristlichen) Emanzipation aufzuhalten oder gar zurückzudrehen. Ich nehme aber die Missverständlichkeit, auf die Sie hier hinweisen, ernst, und überdenke meine Formulierung. Mit freundlichen Grüßen, GP

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  • 1. Februar 2022 um 12:10 pm
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    Sehr geehrte Frau Dr. Palmer,

    Danke für Ihre direkte und kurzfristige Antwort!
    Ja, klarer, sachliche Auseinandersetzung ist gut. Sie findet oft viel zu wenig statt.
    Unterschiedliche Auffassungen sind in einer offenen Gesellschaft nicht nur möglich, sondern für die Demokratie, wie wir sie uns vorstellen, unerlässlich.

    Bitte glauben Sie mir, dass ich Sie nicht „böswillig missverstehen“ wollte. Ich gebe zu, meine sprachliche Zuspitzung beinhaltete eine gewisse Übertreibung. Gerade Ihr Versuch, die Stärken und Schwächen der beiden Konfessionen zu betrachten, spricht mich an, da dort durchaus interessante Gedanken und eine differenzierte Sichtweise zu entnehmen sind. Auch Ihre Positionierung zur Emanzipation und der Sicht einer Feministin auf Männer kann ich wertschätzen.
    Danke für Ihre offene Gegenrede und den Dialog. Bleiben wir uns als Christen aller Konfessionen gegenseitig gewogen! Mit freundlichen Grüßen, IP

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