Rosen für den Katholikentag 2022

 

In vielen kleineren Texten der vergangenen Jahre habe ich – ausgehend u.a. vom Jugendtreffen um Papst Benedict 2005 – der Befürchtung Ausdruck verliehen, dass es gerade die besonders Strengen seien, die eine neue Attraktivität der Religionen ausstrahlen. Man hatte ja auch außerhalb der christlichen Welt Gründe für diese Annahme. Salafisten und andere reaktionäre Islamisten drängten sich hierzulande in den Vordergrund, der IS konnte deutsche Bürgerkinder rekrutieren, und dass wenigstens Jerusalem Stadtviertel für Stadtviertel an die charedischen Gemeinden übergab, hatte ich im Laufe von Jahrzehnten beobachten können. Natürlich gab es überall Gegenbewegungen, in den freieren Welten eh, aber auch da, wo Widerstand richtig kostet, um es euphemistisch auszudrücken. Dennoch glaubte ich, da ich mich im langen Studium der Religionsgeschichte nun mal auf Trenderkennung trainiert hatte, und weil auch ich an der allgemeinen laienpsychoanalytischen Bescheidwisserei gern mal teilnehme, dass man mit der wundersamen Attraktivität der besonders Strengen sehr sehr vorsichtig sein müsse – und ich höre auch heute nicht auf, vor der Internationale religiöser und sozialer Reaktion zu warnen, wo das noch nötig sein sollte.

Jedoch: ein Katholikentag mit geschrumpften Besucherzahlen und großem Andrang beim Stand des „Synodalen Weges“, der lässt mich hoffen. Lässt hoffen, dass es ernsthaften Reformwillen auch in dieser Kirche gibt, dass die „Basis“ sich gegen herrschaftliche Versteifungen artikuliert, dass Bewegungen wie „Out in Church“ und „Maria 2.0“ endlich denen eine hör- und spürbare Stimme verschaffen, die das Gute und Liebe ihrer Tradition nicht zusammen mit den alten Zöpfen entsorgen und die neuen Freiheiten der westlichen Lebensweise nicht mit einer gedanken- und herzlosen Beliebigkeit bezahlen wollen. Denn genau darum geht es:

Um eine neue Balance

  • von Freiheit und Bindung
  • von (auch technologieoffener) Vernünftigkeit und ehrfürchtiger Selbstbegrenzung im technologischen Zeitalter
  • von selbstbewusster Annahme des Traditionserbes und verantwortlicher Öffnung für neue Weisheiten im Umgang mit uns selbst und anderen
  • von dem, was uns und der Schöpfung gut tut.

Diese Balance wird zur Zeit vor allem von denen, die ihre eigenen ängstlichen Prinzipien eher mit Verlogenheit festhalten als offen in Frage stellen wollen, unmöglich gemacht.

Diese Balance wird aber, so sehe ich mit Freude, von vielen jungen und nicht mehr ganz so jungen Menschen, auch innerhalb des nicht sehr beweglichen Tankers der Katholischen Kirche gesucht – und ich kann allen, die sich da engagieren (von denen ich dank meiner Arbeit an der Katholischen Akademie auch einige kennenlerne) nur von Herzen gutes Gelingen, Ausdauer und freudiges Weitertun wünschen.

Rosen für den Katholikentag

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