In einem Fragment von 1921 hat Walter Benjamin bekanntlich den Kapitalismus als eine Religion bezeichnet. Über dieses interessante Fragment ist viel geschrieben worden, und es wird noch mehr werden. Benjamin bezeichnet darin den Kapitalismus als „eine reine Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat“. Aber er beschreibt sie dann als einen ununterbrochenen und ubiquitären Kult, der alles in sich hineinziehe. Dies passt nicht wirklich zu den klassischen religionshistorischen Vorstellungen von einer Kultreligion, denn der Kult setzt in der Regel ja gerade Unterbrechungen des Alltags. Und er tut das, weil er gerade durch diese Unterbrechungen in Feiern und Zeremonien einen Freiraum für die Reflexion oder sonstige Bearbeitung des allen Menschen mehr oder weniger bewussten Gegensatzes von ihrem Streben nach Unsterblichkeit und ihrer faktischen Sterblichkeit schaffen kann. Ein solcher Kult mag an herausgehobenen Orten – wie etwa dem Jerusalemer Tempel nach alter Überlieferung – ununterbrochen zelebriert werden: die Teilnahme der einzelnen Menschen, die nicht Priester sind, ist aber immer eine Unterbrechung ihres „normalen Lebens“, ein je herausgehobenes Ereignis. Und selbst die des Schlafes und der Nahrungsaufnahme und ihrer Verstoffwechselung bedürftigen Priester müssen ihre aktive Teilnahme immer wieder unterbrechen. Umgekehrt, wie gesagt, unterbricht die Teilnahme am Kult den gesellschaftlichen Alltag – und beantwortet gerade damit auf eine gefühlt stabilisierende Weise die in jeden Alltag einbrechenden Unterbrechungen von Erdbeben, Geburten und Toden.

 

Entsprechendes wiederum leiste – ganz ohne Unterbrechungen – auch der Kapitalismus, scheint Benjamin zu behaupten, wenn er schreibt, dieser diene „essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben.“

 

Mir ist diese Idee (scheinbar unpassenderweise) wieder in den Sinn gekommen, als ich hörte, dass Unternehmensvorstände auf die Frage, um wie viel sie die Frauenquote in ihren Vorständen anheben wollten, zum Teil sehr deutlich antworteten: Null.

 

Ob sie sich nun selbst als religiös kapitalistisch oder als mit kapitalistischen Mitteln das christliche Abendland verteidigende Familienväter ansehen – Vorstandsmänner, die so reden, haben objektive Gemeinsamkeiten mit den „all-male“ und „altmännlichen“ höchsten Gremien der Internationale der Religiösen Reaktion: sie verteidigen mit Zähnen und Klauen das Privileg der führenden Männer, im Allerheiligsten ihres Kultes unter sich zu sein. Was ist aber die Sorge, die Qual, die Unruhe, gegen die ihr Kult, dem sie selbst frönen, und unter dessen Fron sie alle anderen möglichst auch zwingen wollen, so wunderbar helfen soll, dass wir ihnen nicht energischer entgegentreten? Mir scheint, es ist immer noch die alte, in der Tat wohl zumeist „männliche“ (nach meinen Ehrbegriffen, die auch eine „männliche Ehre“, nämlich ein Einstehen für die eigenen Bedürfnisse, einschließen, freilich eher eine infantile, unmännliche) Angst vor der Gebürtlichkeit der Menschen, vor der Gebrechlichkeit der menschlichen Dinge, der prekären Natur aller menschlichen Ordnung, der Verletzlichkeit aller sozialen Beziehungen und allem diesem.

 

Feminismus, wie ich ihn verstehe, ist nichts weiter als ein weibliches Einstehen für die eigenen Bedürfnisse, in freier und wacher und offener Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen der anderen, und, selbstverständlich, in Balance mit der ebenfalls ewig weiblichen Lust, sich auch mit den eigenen Stärken zur Geltung zu bringen in der öffentlichen Sache, in allen Formen des Kultes, auf die stets auch verbessernd und im Sinne der Menschlichkeit Einfluss zu nehmen ist. Oder, um es mit einem liberalen Theologen zu sagen, der dafür schon um 1800 in seinem „Katechismus der Vernunft für edle Frauen“ als Punkt 10 schrieb: „Laß dich gelüsten nach der Männer Bildung, Kunst, Weisheit und Ehre“ (Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Idee zu einem Katechismus der Vernunft für edle Frauen, http://www2.hu-berlin.de/allg-erzwiss/vl-8-3.pdf).

 

Benjamin hat das Fragment über Kapitalismus als Religion nicht zu einem eigenen fertigen Text ausgearbeitet. Und ich frage mich, was er wohl sagen würde, wenn er sehen könnte, wie seit so vielen Jahren die barbarischsten und autoritärsten Formen der Religionen wieder die politische Szene bestimmen können. Dass er selbst besonderen Geschmack an der vehementen Forderung westlicher Frauen, an allen öffentlichen Sachen gleichen Anteil zu haben wie die Männer, gehabt hätte, darf mit guten Gründen bezweifelt werden. Tatsächlich würde er wahrscheinlich eher bemerken, dass die Frauen, sobald sie selbst in den Vorstandsetagen mit agieren, einfach nur denselben Kult treiben würden, den dort eben alle treiben, und der, wie Benjamin 1921 schrieb, alle verschuldet und nur dazu dient, „diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen, dem Bewusstsein sie einzuhämmern und endlich und vor allem den Gott selbst in diese Schuld einzubegreifen, um endlich ihn selbst an der Entsühnung zu interessieren.“

 

An dieser Religion, wie Benjamin sie versteht, wäre durch keine Reformation – und also auch durch keine Frauenquote in den Vorständen – irgendetwas zum Besseren zu ändern. Aber was, wenn dieses düstere Bild von der Unveränderlichkeit dieser wie anderer Verhältnisse selbst nur ihrer Stabilisierung zuarbeitete? Und wenn, aus welchem Bedürfnis? Das wäre weiter zu untersuchen.

Für den Alltag der Manager in den Vorständen ist jedenfalls klar, was auch in allen Kultusgemeinschaften schon immer so war: den Lohn für ihre harten kultischen Verrichtungen suchen die Männer unter ihnen oftmals bei bezahlten Frauen oder Knaben. Wo Frauen, wenn sie wirklich als aktive Repräsentantinnen ins Allerheiligste vordringen, ihren Lohn finden, weiß einstweilen bestenfalls der Himmel.

 

Neuer Kult, neue Fron: Die Vorstandsetagen der Konzerne als Kultstätten

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