Immer wieder mal höre ich von religiösen und nichtreligiösen Trauerprofis, die Trauerrednerin müsse ein „Sprachrohr“ für die Hinterbliebenen sein. Was für ein Missverständnis! Nein, das muss sie nicht. Die Hinterbliebenen finden je zu ihrer eigenen Sprache – und das ist gut so. In dieser Sprache wird aber oft genug auch ein reichlich hartes Urteil über einen verstorbenen Menschen zementiert. Oder das Gegenteil: eine Beschönigung verewigt, die mit dem Leben, das da zuende gegangen ist, nichts zu tun hat. Ich habe schon wohlmeinende Pastoren, die sich barmherzig fühlten, weil sie eine Selbstmörderin auf ihrem kirchlichen Friedhof beerdigen ließen, halbstündige Vorträge über die Depression halten hören. Den engsten Angehörigen hat es gut getan – die sich da selbst getötet hatte, war ja krank. Und so hatten sie es dem Pastor auch sicher erzählt. Aber kann das die ganze Wahrheit sein? Kann das das sein, was gesagt werden muss, wenn jemand verzweifelt genug war, in den Wald zu gehen und sich an einem Baum aufzuhängen? Ich meine: nein. Ich meine, das ist ein schweres Missverständnis dessen, was ein solches universales Ritual wie eine Beerdigung zu leisten hat. Wie ich es stattdessen sehe?

Jede Familie oder ähnliche soziale Einheit ist ein mehr oder weniger geschlossenes soziales „System“. Es wird durch den Tod eines Menschen schwer verletzt. Die ZeremonienmeisterInnen, ob religiös oder nicht, sind dazu da, von außen dazu zu kommen, wenn so etwas passiert ist, und diskret wieder zu verschwinden, wenn die Feier beendet ist. Das ist auch dann so, wenn es sich um PriesterInnen in übersichtlichen Gemeinden handelt – damit sie das können, sind diese „Würdenträger“ in aller Regel von starken Tabus umgeben, von denen dieser lästige Zölibat ein erkennbares, aber in der Moderne natürlich völlig verselbständigtes Relikt ist. Das Tabu trifft heute auch die Bestatter und alle anderen, die damit zu tun haben. Wir brauchen uns nicht mehr sklavisch daran zu halten. Aber wir sollten durch unsere Modernisierungen hindurch doch den tieferen Sinn dieser Tabus verstehen. Die ZeremonienmeisterInnen müssen den neuen Zustand der je betroffenen Familien und ähnlichen sozialen Systeme durch die Feier „beglaubigen“ und den Angehörigen helfen, damit zurecht zu kommen. Wie tun sie das?

Sie ergänzen die Arbeit der anderen Beteiligten des Bestattungswesens, indem sie den Verstorbenen ein Kleid aus Worten anlegen. Darin soll gerade nicht nur das, was die Hinterbliebenen an gemischten Gefühlen mit der jeweiligen Person verbunden haben, Sprache werden, sondern es soll ein Kleid sein, mit dem die Verstorbenen sich „überall sehen lassen“ können. Dazu müssen die RednerInnen natürlich den Hinterbliebenen gut zuhören. Aber sie müssen durchaus auch etwas Eigenes, Selbstverantwortetes dazu geben. Sonst funktioniert das Ritual des Loslassens gar nicht, weil ja die Hinterbleibenden immer noch die volle Kontrolle behalten. (Die sie oft, wenn jemand vor dem Tod pflegebedürftig war, ja in unnatürlich totaler Form hatten). Das Ritual hat genau den Sinn, dass sie bewusst und öffentlich die leichte soziale und die schwere pflegende Kontrolle über jemanden abgeben – sie überantworten den verstorbenen Menschen der Natur, oder dem Schöpfer, je nachdem, was sie glauben: und seinen Namen auf dem Grabstein der ganzen Welt.

Ist dieses Ritual vollzogen, ergänzen die Trauernden es oft noch um den auch in allen Kulturen erkennbaren „Leichenschmaus“ – das gemeinsame Mahl, in dem sie alle ihre Diesseitigkeit noch einmal feiern und das nun veränderte soziale Gefüge bestätigen. Erst danach ist wieder jede/r für die eigenen Erinnerungen selbst verantwortlich – und dafür, wie sie oder er sich inkünftig positionieren und zu der Sache verhalten will. Die Trauerrednerin hat ihre Arbeit dann gut gemacht, wenn die Hinterbliebenen mit der neuen Realität ein kleines bisschen besser zurechtkommen als vorher – und vielleicht irgendein Wort bei sich behalten, das ihnen hilft, die im Trauerprozess oft schwankende Erinnerung bei einem brauchbaren Namen zu nennen und mit Worten wohlbekleidet vorzustellen. Meist suchen Trauernde Halt in Wörtern und Sätzen, die anderen nach Klischee klingen. Das ist völlig in Ordnung. Aber die Person, die sie durch das Ritual führt, sollte sich die Mühe machen, ihnen von außen neue Worte dazu zu geben, die ihnen helfen. Amen. 

Totengewänder aus Worten

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