Eines ist klar: In einem Rede-Duell wie dem vom 3.9.2017 zwischen Bundeskanzlerin Merkel und Herausforderer Schulz setzen beide sich aus. Alles mag noch so gut vorbereitet sein, die Kanzlerin konnte die Bedingungen erheblich beeinflussen, und selbstverständlich haben Beraterinnen und Vertraute ihr Bestes gegeben, um ihren jeweiligen Star optimal vorzubereiten. Doch trotz der in vieler Hinsicht ungleichen Voraussetzungen – erfahrene und erfolgreiche Amtsinhaberin mit guten Umfragewerten gegen einen in Umfragen deutlich schwächeren Rivalen, dem die Folgen einer Milieu-Verpflanzung noch anzumerken sind –  sind in dieser Situation beide Menschen Kandidaten, die sich um die Gunst von Millionen von Fernsehzuschauern bewerben. Das erste vor der Klasse aufgesagte Gedicht, die erste vor Publikum geführte Debatte dürfte manchen Menschen im Publikum immerhin eine schwache Ahnung von dem Stress vermitteln, der bei dieser hochbewerteten öffentlichen Aufführung im Spiel ist.

Aber die beiden bewerben sich ja auch um eine Position, in der es unter anderem auf Stressresistenz ankommt. Beide können, das weiß man, rhetorisch gehörig zuschlagen, wenn es darauf ankommt – aber sie müssen sich in dem Duell nicht nur an die guten Sitten des Landes, sondern vor allem an das halten, was „gut ankommt“, nach allem, was ihre BeraterInnen herausgefunden haben. Je genauer die Umgebung erforscht ist, desto weniger Spontaneität kann es natürlich geben. Je mehr die ProtagonistInnen gedrillt oder gecoacht werden, desto weniger authentisch wird die angelernte Authentizität noch wirken. Ein Dilemma, das diese beiden Spitzenpolitiker ebenfalls mit allen öffentlichen Personen einer bis zur Dekadenz übertrainierten Epoche teilen – und dem wir wohl den Erfolg einer offenbar trainingsresistenten Figur wie Donald Trump nicht zum mindesten verdanken.

Das Training der KandidatInnen sitzt zumeist wie eine kugelsichere Weste und schützt sie vor zu groben Missgriffen, wenn es einer Frageperson doch mal gelingen sollte, ein Geschoss geschickt zu platzieren. Und natürlich legen es die Interviewer just darauf an, diese Weste für einen Augenblick löcherig erscheinen zu lassen. Den verrückteste Moment – und den, der über den Stand der Dinge hierzulande am meisten sagt – erwischte gestern wohl Sandra Maischberger, als sie die Kandidaten fragte, ob sie denn an diesem Sonntag in der Kirche gewesen seien. Da haben beide regelrecht die Hände hochgerissen und, wie bei einer Unartigkeit erwischte Schüler, schnell irgendetwas ausgegraben, was sie doch noch gemacht haben, etwas, das den versäumten Kirchgang eventuell gutmachen könnte.

Das war für mich der Moment, in dem ich mich aufgeben fühlte. Ich habe in dem Augenblick gedacht: okay, es ist vorbei mit dem freien Westen, auch hier. War schön, aber ist endgültig vorbei. Nicht, weil irgendwer über seinen Glauben spricht – das sollen die Leute doch bitte munter weiter tun, wenn sie da irgendwas Besprechenswertes finden. Nicht, weil eine selbsternannte Scharia-Polizei mal durch die Straße einer westfälischen Stadt zog und damit dann Gott sei Dank schnell wieder aufhören musste. Nicht, weil immer noch manche Idioten – und sogar der gegenwärtige Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Amerika – glauben, dass die Schöpfungslehre der Bibel „wahrer“ sei als die Evolutionstheorie. Sondern weil die einer offenen Gesellschaft angemessene Antwort auf die Frage: „waren Sie heute in der Kirche“ an so einer Stelle wie dem Duell der Kanzlerkandidaten der Bundesrepublik Deutschland beiden Kandidaten nicht mehr selbstverständlich ist.

Wie sie lautet? Das wissen Sie nicht? Dann schreibe ich sie Ihnen hier kostenlos und unverbindlich unbefristet zur Ansicht noch einmal hin:

„Wenn ich heute in der Kirche gewesen wäre/bin, würde ich es Ihnen hier nicht sagen. Ich bewerbe mich um die Position einer Kanzlerin für alle Deutschen – und das bedeutet: ich stehe für die Religionsfreiheit ein, und dafür, dass jede und jeder ganz allein für sich entscheiden kann, wie er oder sie sich zu religiösen Fragen zu verhalten gedenkt.“

Erst wenn das geklärt und erklärt ist, kann man von mir aus auch wieder brav sein und, da wir nun einmal bierehrliche und ernste Deutsche sind, antworten, nein, heute nicht, ich war zu aufgeregt, oder, ja, ich bin in meiner Anspannung (die von meinem tiefen Respekt für die Wählerschaft herrührt) am Grab meines Vaters gewesen oder, nein, im Falle von Stress hilft mir der Wald mehr als die Predigt von Vater, Sohn und Heiligem Geist, oder was auch immer.

Wie Sie sehen, habe ich noch nicht ganz aufgegeben. Ich schreibe das alles hier noch einmal hin und hoffe, mit wem auch immer im Kanzleramt kriegen wir den freien Westen doch noch gerettet.

 

Waren Sie heute in der Kirche? Über ein neues Stottern auf höchster Ebene

Ein Gedanke zu „Waren Sie heute in der Kirche? Über ein neues Stottern auf höchster Ebene

  • 4. September 2017 um 9:32 am
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    Danke! Ihre vorgeschlagene Antwort hat gefehlt, neben so vielem Anderen. Warum übernehmen wir bloß dieses peinliche am Boxen orientierte Ritual? Personalisierung von Politischem ist genauso wie diese obszöne Frage, wo man am Sonntagmorgen war, nur Ausweichen vor der politischen Anstrengung des Begriffs.

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