Wer sich hauptberuflich mit Wörtern und ihren Bedeutungen beschäftigt, wer einseitig seine sprachliche Haut überpflegt, der ermuntert diese zu mancher unansehnlicher Allergie. Allergien sind ja nichts an sich Schlechtes, sie sind nur eine kleine Übertreibung eigentlich gesunder Abwehrreaktionen. Das Denken selbst, das auch gestandenen Philosophen als Kunst der Übertreibung gilt, wird von anderen, die nicht beruflich mit dem Denken über das Denken befasst sind, wegen dieser Allergienbildung als unnützliche Übertreibung angesehen. Sie können das googeln: Geben Sie den Satz „Denken ist Übertreiben“ ein, so werden Sie nicht zuerst auf Hannah Arendt oder irgendeine andere philosophische Kapazität verwiesen, die über das notwendig übertreibende Element in jedem Versuch, etwas „zuende zu denken“ schon einmal öffentlich nachgedacht hat, sondern auf eine handliche Symptomologie der Depression für den gebildeten Laien. Der depressive Mensch neige zu Übertreibungen, insbesondere beim Ausmalen der negativen Posten auf seiner Lebensbilanz etc. Dann kommen Mahnungen, dass man es auch mit dem positiven Denken übertreiben könne, und ich nehme an, auf der zweiten oder dritten oder vierten Seite kommt dann auch mal ein schwacher Hinweis auf irgendetwas Philosophisches – ich habe es schnell unterlassen, da weiter zu suchen, das Sprachhautjucken, das ich von den Überschriften allein bekam, genügte.

Dabei ist diese für Leute wie mich hochallergene Allgegenwart der Beratung zur Seelenhygiene ja ein Erbe von Religion und Aufklärung gleichermaßen. Insbesondere „unsere“ Religion hier, der „Protestantismus“, hatte es doch von Anbeginn mit der „methodischen Lebensführung“ und der „Verinnerlichung“, um nur mal zwei der zentralen Begriffe, unter die der unsterbliche Protestantismusforscher Max Weber seine Einsichten zu diesen Triebkräften der Modernisierung brachte, zu nennen. Spuren davon finden Sie noch in der schärfsten Klamotte über das deutsche Pfarrhaus: So spricht der „versagende“ Anti-Held Hille, Pastorensohn in einer westdeutschen Provinzstadt in Peter Fleischmanns Film „Das Unheil“, bereits in den ersten Szenen davon, wie man „es“ machen müsse.

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Man brauche erst einmal einen Plan, usw. Er weiß das ganz genau. Und ich kann mich gut erinnern. In den Jahren, in denen der Film gedreht wurde, haben wir „unorthodox-linken“ Pastorenkinder alle mehr oder weniger so geredet. Wir waren in der Regel als aufmerksame Kinder in der Bundesrepublik unterwegs gewesen, immer unter dem etwas eigenen Gesetz des Glaubens, und als wir uns zu emanzipieren suchten, sahen wir durchaus deutlich, wie verrückt die orthodoxeren K-Gruppen-Linken und die RAF-Sympathisanten waren, wir sahen jedoch auch, wie unmöglich die selbstgewissen ehemaligen Nazis und Helden des Wiederaufbaus waren, und wir dachten, wir wüssten, wie man die Probleme lösen könnte – nur leider waren wir uns auch nicht so ganz einig, nur leider hörte man nicht auf uns, und nebenbei vergeigten wir mehr oder weniger unsere Schulabschlüsse.

Was wir aber in unserer unter Hochdruck denkenden und agierenden und agitierenden Jugend anlegten, war eine gewaltige Bereitschaft zum inneren Wachstum. Auch da wussten wir sehr genau, wie man es machte. Aus den Lehren unserer frommen Väter und Mütter nahmen wir nur das Beste – die Liebe zum Beispiel – und die wollten wir in uns ganz groß aufbauen. Dazu gehörte einerseits die tätige Nächstenliebe, die wir so nicht nannten, aber durchaus übten – Schularbeitenhilfe im Obdachlosenasyl und sowas, immer schön im neuesten sozialpädagogischen Mode-Lingo diskutierend begleitet. Andererseits natürlich auch Kritik am Eigentumsbegriff und alles dieses. Die anderen „Bürgerkinder“ hielten uns für linke Spinner, die Linken hielten uns für revisionistische Weicheier, meistens kurz „Revis“ genannt, und unsere Eltern, wenn sie Zeit hatten, hofften auf eine gute Entwicklung und inneres Wachstum. Aber wir hatten – so kommt es mir jedenfalls von heute aus vor – oft nur ein Ziel: wir wollten uns methodisch der methodischen Lebensführung entledigen. An inneres Wachstum glaubten wir dabei meistens ganz ehrlich, auch wenn wir den Ausdruck unseren Eltern überließen und selbst eher von innerer Befreiung sprachen. Es war doch gut lutherisch – denn die Absage an den Weg der Eltern fordert einen hohen Preis, du musst es aus guten Motiven machen, sonst wird es nichts. Und so quälten wir uns selbst und einander mit oftmals ziemlich peinlichen Gesinnungsprüfungen.

„Wie kannst du über Shampoo reden!“ „Wie kannst du nicht über Shampoo reden!“ Und über allem die Klage: „Du kannst immer nur sagen, wie es geht, aber nie einfach machen! Mach doch mal!“ Heute nennt man das die „Umsetzung“ – aber das ist nicht ganz dasselbe. Denn die „Umsetzung“ ist ja noch mittendrin in der methodischen Lebensführung: du hast ein Programm entworfen oder angenommen, das Ziel ist klar, wir kennen den Weg, wir wissen um unsere Kraft (diese Floskeln, lesbar damals auf den Straßenschildern am Rand der DDR-Autobahnen, kommen auch in Fleischmanns Film vor) – und dann arbeitet man den Plan nur noch ab. Genau dem will ja aber der ernsthafte Pfarrhausflüchtling und Aufklärer über die eigene Religion entfliehen. Manche nahmen Drogen. Das endete meistens schlimm. Manche lasen Adorno. Die waren für die „Umsetzung“ und fürs „Machen“ gleichermaßen verloren. Und natürlich auch für das „innere Wachstum“. Andere reisten nach dem Abitur erstmal nach Indien – und kamen als Sanyassins zurück. Die setzten zuweilen bald kräftig um, „machten“ auf jeden Fall mal, und hatten schließlich oft sogar Teil an dem großen Boom des „inneren Wachstums“, den die religiöse Wende der letzten Jahrzehnte auch den Deutschen beschert hat. Wieder andere kehrten sogar irgendwann um und wurden Pfarrer wie der Vater. Das war dann sicher auch die Folge von innerem Wachstum.

Andere machten etwas ganz Anderes. Wer sich irgendwann aus all diesen Beunruhigungen heraus geackert hatte, mochte sich in den 90er Jahren ein bisschen wundern: die Bürgerkinder, die uns in den 70ern für unsere schrägen Fixierungen aufs Innerliche und unsere Gleichgültigkeit gegen die Äußerlichkeiten und unseren rigorosen politischen Idealismus sowie unsere merkwürdigen Ideen von Liebe etwas belächelt hatten, entdeckten nach der Wende immer öfter die „Werte“ für sich. Das Innere. Das Wachsen eben. Dazu die methodische Lebensführung: also wie man mit dieser oder jener falschen Gestimmtheit genau umzugehen habe. Und wenn sie dann auf so ein mild, abgeklärt und weise vor sich hin lebendes Pastorenkind trafen, das sie in ihrer Jugend mal gekannt hatten, dann wedelten sie voller Freude mit den alten Botschaften: du darfst es mit dem Denken nicht übertreiben, Hauptsache ist doch, dass die Liebe dabei ist, und dass sie echt ist, du musst die Sache natürlich methodisch angehen, sonst wird es nichts, und wenn du einen Verlust erlitten hast, sieh es doch bitte als eine Gelegenheit zum inneren Wachstum, wie kannst du über Shampoo reden, das ist doch oberflächlich, wie kannst du nicht über Shampoo reden, du sollst dich nicht vernachlässigen, usw.

Nachträglich scheint mir: Fleischmanns Film nimmt das alles vorweg, indem er äußerst drastisch alle möglichen Menschen geradezu über den Frühstückstisch der gebeutelten Pfarrersfamilie marschieren lässt, bis der verzweifelt disziplinierten Pfarrfrau die Kaffeekanne aus der Hand fällt, während sie noch die ihr von Martin Walser in den Mund gelegten Gemeinplätze der klagenden Hausfrau von sich gibt. In dem Film stirbt dann auch ein Schwan an einem Tumor – und dieses Bild im Kopf, möchte ich, wenn mir heute jemand mit „innerem Wachstum“ kommt, der sich im realen Leben damals wie heute vor allem effizient mit Statusfragen auskannte, immer fragen: „Inneres Wachstum, ist das was für den Onkologen?“ Die richtige Antwort wäre natürlich: nein, es ist einfach die heute angesagte Haltungsrolex, morgen wird es wieder eine andere sein. Aber das kannst du nicht sagen. Denn die, die dir heute mit „innerem Wachstum“ und „methodischer Lebensführung“ kommen, die haben die Macht, sich vor deinen ätzenden Bemerkungen zu schützen. Wenn du eine Allergie gegen ihren Quark entwickelst, selbst schuld. Ihr Dermatologe rät zu schwach dosiertem Cortison.

Inneres Wachstum und methodische Lebensführung: Allergologisches zum Protestantismus

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