Aus dem whahabitischen Königreich ist zu hören, dass man neuerdings plant, den Frauen das Autofahren zu erlauben. Wie diese Dinge anfangen, sich in Bewegung zu setzen? Was man tun kann, um diese Bewegung zu fördern? Ein Blick auf Europa vor hundert Jahren lehrt: es beginnt und versickert nicht nur in den großen Kommissionen, es findet täglich statt in den kleinen Kommunikationen. In meinem Roman habe ich es mal ausgemalt und zitiere ein kleines Stück hier:

„Wir blieben auf unseren Handtüchern sitzen, ich, du wirst lachen, tief dankbar. In den Sommern nach dem Krieg werden belgische Krüppel des Krieges mit belgischen Witwen und Waisen der belgischen Gefallenen auf ihren Handtüchern an diesem Strand gesessen haben. Wer konnte, verkaufte vielleicht Nützliches an die Touristen, etwas Tee oder Limonade oder Gefrorenes, vielleicht auch mit Fisch belegte Brötchen, Sonnenbrillen, falls es das schon gab, oder Sonnenhüte. Wir wollen uns jetzt mal schön erholen – und dann stritt der Familienvater mit dem Hotelwirt und die Mutter stiftete Frieden, oder die Mutter stritt mit der Kellnerin und der Familienvater stiftete Frieden, oder sie genossen es wirklich, ich verstand doch davon nichts, denn ich liebte immer das wildere Meer und den leereren Strand von Long Island oder Sylt, wo keine Gebäude und keine Geschäfte den Strand bedrängen, als wäre das Meer eine Festung, von ihnen einzunehmen.

‚Bis auf 20 Schritte ließ Leutnant Stietz die Belgier heran, dann gab er den Feuerbefehl. Die Geschosse richteten auf der schmalen, von Wasser umrahmten Straße ein furchtbares Blutbad an. Schreien und Stöhnen mischten sich mit dem Knattern der Gewehre und dem Klatschen des Wassers. Nachdem ‚Stopfen’ befohlen war, rief Leutnant Stietz dem Rest in französischer Sprache zu, sich zu ergeben. Ein Hauptmann und 17 Mann gaben sich gefangen, fast alle übrigen Angreifer deckten tot oder verwundet die Walstatt, nur wenige können entkommen sein.‘

Vielleicht träumte er mitten im Blutbad vom Strandsommer 1909 in Ostende. Kinder waren sie nicht mehr, aber auch noch nicht im soldatischen Alter, und ihre festen Burgen bauten sie immer nur für einen Tag in den Sand. Wenn Marie dabei war, ging sie ins Wasser? Baden und Fahrradfahren waren schwierige Themen für die jungen Christinnen. Es war noch nicht lang her, da schrieben sie so:

Neuenhof, 18. Dezember 1894

Meine lieben, lieben Geschwister!

Bitte, darf ich heute mal gegen alle Gewohnheit diesen kleinen Bogen nehmen? Ich wüßte wohl 10 große Bogen vollzuschreiben, ich möchte vieles, was in Euren teilweise so ausnehmend interessanten Briefen steht, beantworten, es sind so viele Dinge angeregt, besonders in Wilhelms (Hanning mit Dir wollte ich noch ein Extrahühnchen rupfen wegen der schrecklichen amerikanischen Baderei. Thus nicht wieder!) und Adolfs Briefen, zu denen ich auch ganz gern meine bescheidene Meinung äußern möchte, und dann möchte ich sehr viel von hier erzählen, von allem Glück und aller Gnade und aller Freude, die wir in der letzten Zeit erfahren haben und noch täglich erfahren.

Hannings Antwort aus San Francisco an ihr Herzensmucking kam unverdrossen:

Du, und was Deine Abneigung gegen das Baden anbetrifft, so kann ich es mir lebhaft denken, daß das Deine Haut und vielleicht noch einige andere Häute hat schaudern gemacht, aber jedes Land hat seine Sitten und Gebräuche, und ich habe Euch doch beschrieben, wie man angezogen geht, doch weit mehr bekleidet als im Ballsaal, also das lass nur gut sein, Du kannst so fest davon überzeugt sein, daß ich mich in der Weise nicht amerikanisiere, aber natürlich drüben habe ich auch so gedacht und würde, wenn ich da wäre, auch wohl ebenso denken wie Ihr.

Ich rieb meinen Kindern Sonnenschutzcreme auf die Rücken und streckte mich selbst ein wenig aus. Viele der unermüdlich heranrückenden Häuser können 1909 noch nicht gestanden haben, von Plastikwintergärten gegen den belgischen Sommerregen oder die belgische Sommersonne zu schweigen. Auf dem Weg zum Strand waren wir an einem Marktstand vorbei gekommen, der kistenweise alte Postkarten anbot, da konntest du sehen, wie es einmal ausgesehen hatte. Es half auch ein bisschen dagegen, dass ich Marie immer weinend denken musste – bekleidet am Strand eine Sehnsucht über das Meer und seine in Belgien unsichtbaren Felsen hinaus seufzend, wenn die Kinder im Wasser waren, natürlich.“

Achilles, Buch 4, Erdstück, Kapitel 81, Magdalenen oder zweierlei Gefangene, S. 406f. Mit Zitaten aus einer Militärgeschichte von Herrn Gieraths und aus den Familienbriefen (genauer ausgewiesen im Appendix des Buches).

Foto eines Buchcovers: Achilles - Roman von Dr. Gesine Palmer

Was Frauen vor 100 Jahren in Europa durften. Eine Herjinnering

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.