Gerade habe ich die Siegerreden von Kamala Harris und Joe Biden gehört. Und ganz viele Kommentare zur Wahl in den USA gelesen. Etwas scheint vollbracht zu sein. Nun soll es wieder nach vorne gehen. Alles rückt wie durch ein Wunder in eine neue Perspektive. Über acht Jahre einen afroamerikanischen Präsidenten zu haben – das soll vielleicht ein bisschen zu viel für die einfachen Leute gewesen sein. Da mussten sie sich erst einmal einen kleinen Rückschlag genehmigen. Aber der dauerte schon nur vier Jahre. Jetzt geht es erstmal wieder weiter: mit einem Spitzenduo aus einem älteren weißen Mann und einer energischen farbigen Frau, die gemeinsam wieder eine der gläsernen Decken für Frauen durchbrochen haben. Der Fortschritt ist eine Nähmaschine, er näht im universalen Steppstich, zwei Millimeter vor, einen zurück, wieder zwei vor, wieder einen zurück, Nähte halten dann besser, so ist es bei der Nähmaschine.

Im gegenwärtigen Polit-Deutsch spricht man davon, dass man „die Menschen mitnehmen“ müsse, das geht nur selten im ersten Anlauf. Aber nun soll es wieder vorwärts gehen. Manche Leute glauben daran auch mit Blick auf die Religionen.

Bei säkularen Trauerfeiern ist ein beliebtes Gedicht das Stufengedicht von Hermann Hesse, denn es endet mit den berühmten Worten: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.“

Ich mag das Gedicht nicht so. Es gehört zu diesen Texten, die immer irgendeinen Sinn im Sinnlosen beschwören müssen, und es scheut sich nicht, zu diesem Zweck den guten alten Weltgeist zu bemühen:

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Klingt Ihnen vertraut? Raus aus der Komfortzone usw.? Schon, oder? Und manche Leute glauben, sie wären auf der Seite dieses Weltgeistes und wüssten, wie es kommen werde. Andere auch. Selten glauben sie dasselbe.

Vor einer Woche, als noch nicht klar war, wie diese Wahlsache in den USA ausgehen würde, saß ich mit Trauerredner*innen aus der ganzen Bundesrepublik zusammen. Wir haben unter scharfen Corona-Auflagen am letzten Wochenende vor dem kleinen Lockdown noch schnell in Anwesenheit neue Verbandsmitglieder aufgenommen und einen neuen Vorstand gewählt. Und abends saßen wir dann lose über den Raum verteilt zusammen und unterhielten uns.

Manche der Trauerredner*innen sind ehemalige katholische Theologen, andere ehemalige evangelische, aber es kommen aus allen Branchen Leute in dieser Arbeit an. (Inzwischen mehr als der Markt ernähren kann, und auch darüber haben wir uns unterhalten müssen.) Bei einem Gespräch war, wie mir schien, auch der Herr Weltgeist zugegen. Es unterhielten sich zwei katholisch aufgebrachte Männer über das Schicksal der katholischen Kirche. Der eine sagte, für ihn sei es mit Trauer verbunden, deren Niedergang mitanzusehen, der nun nach all den Missbrauchsskandalen doch unvermeidlich sei. Der andere war sich sicher, dass die katholische Kirche unversehrt daraus hervorgehen werde.

Plötzlich und erwartet wie sonst nur das Ungeheuer vom Loch Ness tauchte der durchaus korpulente Herr Weltgeist in dem Raum zwischen den ordentlich weit auseinander stehenden Stühlen auf und flüsterte mir ins Ohr, man müsse die Sache nicht nur linear betrachten, sondern eventuell auch mal wie eine Punktspiegelung. Dann würde man für die Weltreligionen, mit denen wir uns hier am meisten herumschlagen, Aufstieg und Niedergang hübsch symmetrisieren können. Die ältesten würden sich demnach am längsten halten. Und da die katholische Kirche ziemlich alt ist, wird sie auch nicht so nervös wie die protestantische, wenn die, die sich für die berufenen Vertreter des Weltgeists halten, mal wieder rumschreien, dass man es sich nur ja nicht zu gemütlich machen solle. Die katholische Kirche setze, erklärte mir der Herr Weltgeist höchstselbst, vielmehr selbstgewiss auf ihr Beharrungsvermögen. So selbstgewiss sei sie, dass ihre Vertreter nicht nur sicher sind, die Missbrauchsskandale zu überstehen, sondern sich sogar noch die eine oder andere Freundlichkeit leisten können. Während Aufgeklärte, Protestanten und Muslime einander nun bereits seit Jahrzehnten (auf je spezifische Weise) hysterisierten.

Damit war er aber noch nicht zuende. „Wenn wir davon ausgehen, dass unter einem Drang zum Fortschritt und neben dem Wunsch, sich zu erhalten, immer auch eine Tendenz zur Selbstauflösung in den geistigen Gebilden der Menschheit wirken, dann könnten wir uns diese so veranschaulichen,“ dozierte er.

„Der Selbstmord der Aufklärung hätte demnach mit den totalitären Wellen des 20. Jahrhunderts begonnen und sich inzwischen in einer spektakulären Selbstverblödung auch der akademischen Linken schon weit vorangebracht. Die Institutionen verwalten noch ein paar Jahrzehnte den Rest ab. Die sind ja immer etwas langsamer als der Geist“ – dabei packte er mich kumpelhaft am Arm – „aber wenn man diese suizidale Tendenz nicht balanciert kriegt, haben wir es mit der Aufklärung bald hinter uns. Der Selbstmord der Protestanten“ – hier legte er die Stirn in hegelianische Falten – „ist ein bisschen komplexer und tatsächlich seit Jahrzehnten ziemlich verzweifelt. Mit ihrer von Beginn an traditionskritischen Tradition müssen sie sich besonders hier in Deutschland an ihre Restinstitutionen klammern – obgleich sie damit gegen die genuine Stärke ihres Grundimpulses handeln. Ein Trauerspiel,“ sagte er, und ich ergänzte: „besonders für eine eingefleischte Protestantin wie mich, die wirklich an ihrer Kirche hängt, diese aber oft einfach nicht ertragen kann.“ „Der Islam,“ fuhr er, meine Bemerkung übergehend, hinzu, „scheint in seinen extremen Ausformungen enden zu wollen, wie er begonnen hat – als unendliche Folge von Selbstmordattentaten, mit denen nie aus marodierenden Haufen ernsthaft und für länger ruhig geführte Imperien werden können. Die gefühlte Stärke der Ägypter, die das Land immer noch einigermaßen funktionieren lässt, liegt darin, dass sie mit ihren Pyramiden Reste einer weit älteren und sehr souveränen Zivilisation und Kultur bei sich haben trotz allem, ebenso wie die gefühlte und gefürchtete Stärke der Iraner allein darin liegt, dass sie noch auf die alte zoroastrische Tradition zurückgreifen können, also mehr als Islam haben. Der moderate Islam integrierte sich mit diesen Traditionen, der extreme will lieber absolut verbluten und möglichst viele mitreißen. Um nun auf euer Gespräch zurückzukommen,“ sagte er: „Die Katholische Kirche betrachtet das alles relativ gelassen, kein Wunder, sie hat noch ein bisschen Zeit, weil sie gutrömisch rechtzeitig ein gewaltiges Hinterland und eine gewisse Hochkultur der Zweideutigkeit angelegt hat: mag sie in Europa schrumpfen, mögen in Südamerika die Pfingstler die letzten Zuckungen des Protestantismus noch einmal triumphal aussehen lassen – es gibt noch Afrika und ein paar sehr zähe mediterrane Nester, in denen es alles so schnell nicht vorbei geht. Rom ist ziemlich ewig.“

„Nur Jerusalem ist ewiger,“ sagte ich. „Und zwar egal, ob sich der Staat, dessen Hauptstadt es zur Zeit ist, dort hält oder nicht. Und es ist nicht wegen irgendwelcher Wunder ewiger, sondern weil es von den bisher bekannten die intelligentesten Formen der Balance von Differenzierung und Zusammenhalt hervorgebracht hat. Es sind zugleich vermutlich die am wenigsten suizidalen geistigen Formen der westlichen Welt – geschmeidige Formen, die doch eine zähe traditionelle und naturverbundene Substanz und eben auch ein Maß an Selbstbegrenzung haben, durch das sie anderen Formen oft voraus sind.“ Der Weltgeist schwieg. „Das rettet nicht alle Jüdinnen und Juden vor der Verknöcherung,“ fuhr ich fort, „und auch nicht alle ihrer Traditionen, aber das Potential der hebräischen Tradition ist allein durch seine Form und Methode allen primitiveren Codices, die irgendwelche Dogmen über Gott und die Welt (zu diesen Dogmen gehört auch das von der Nichtexistenz eines Gottes) formulieren, voraus.“ Der Weltgeist hüstelte erleichtert. „Von der methodischen Selbsterneuerung und Selbstbegrenzung nicht nur der Griechen, sondern auch der der Juden hat die Wissenschaft, die seit der Aufklärung insbesondere als Naturwissenschaft so gewaltige Fortschritte gemacht hat, dass sie manchen als die Allsiegerin in ‚Weltanschauungsfragen‘ erscheint, ein bisschen was gelernt. Ich denke, in Bezug auf die physische Natur und ihre Phänomene ist sie auch tatsächlich unverwüstlich. Freilich, auch sie kann sich verheben, und seit sie sich des Geistes und der Seelen auf biologistische Weise immer mehr zu bemächtigen versucht, offenbart sie selbst eine suizidale Tendenz.“

Da er sah, wie ich seine Gedanken weitertrieb und ihnen einen eigenen Steppstich aufnötigte, verzog der Weltgeist sich indigniert mit leisem Stöhnen, und ich konnte ihm nur einen kleinen Dank nachwinken. Ein bisschen was von dem, was er in mir angeregt hatte, habe ich gleich mal am Esstisch rausgehauen, es machte mir Spaß, weil es mir immer Spaß macht, meinerseits ein Gespräch mal auf ein etwas anderes Level zu heben und etwas mehr Perspektive reinzuholen.

In der Woche nach diesem Gespräch haben wir dann ja alle erstmal auf Amerika gestarrt. Und als sich diese Spannung endlich löste, dachte ich: okay, vielleicht geht es doch ein bisschen vorwärts. Überhaupt wollte ich dem Herrn Weltgeist, an den ich ja gar nicht glaube, sein verführerisches Punktspiegelungsmodell nicht durchgehen lassen. Ich rief ihn noch einmal zu mir, um ihn zu ermahnen: „überschätz dich nicht,“ wollte ich ihm sagen. „Weder ist alles immer nur Fortschritt. Noch dreht sich alles immer nur im Kreis. Nichts wiederholt sich einfach so – und nichts ist ein für allemal erreicht oder ein für allemal erledigt. Wenn wir nur das wissen, dann können wir hoffen, als einzelne Menschen, als spezifische Kulturen und als Menschheit für die Zeit, die uns gegeben ist, diese in allen unseren Aktivitäten immer auch auftretenden Tendenzen zu Zerstörung und Selbstzerstörung zu balancieren.“ Er guckte mich an und verdrehte die Augen, der Herr Weltgeist. Ich sagte ihm, „mach nur. Du kannst ja sonst nicht viel tun. Was hast du damals mit dem Traktat von den drei Betrügern gemacht? Eben.“ Aber der Herr Weltgeist, diese graue Visualisierung einiger meiner angelesenen und selbstgedachten Gedanken, blieb für diesmal im tiefen See der Geschichte verborgen. Er verzichtete darauf, zum Zwecke seiner Verteidigung weit auszuholen und mir zu erklären, welchen Beitrag jenes Manuskript zur schließlichen Durchsetzung von Religions- und Wissenschaftsfreiheit geleistet hatte.

Und dann sagte heute die künftige Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika, die demokratischen Institutionen würden nicht einfach dastehen. Man müsse sie immer wieder neu erkämpfen. Egal, wie sie das nun weiter machen, und ob auf einen Fortschritt wieder ein Rückschritt folgt, ob Steppstich, Punktspiegelung oder sonstwas: Dass sie das wieder getan haben, für mich ist das schon ein kleines Wunder. Wunder heißt auf Hebräisch übrigens Ness.

Kleine Unterredung mit dem Herrn Weltgeist über Aufstieg und Niedergang der Religionen

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