Endlich 2021. Endlich ist er vollzogen – der Machtwechsel im Weißen Haus in Washington. Es war ein atemberaubendes Spektakel, dessen Folgen wir noch lange in der Debattenkultur erfahren werden. Ebenso folgenreich wie das Ringen um einen demokratischen Machtwechsel in den USA wird das andere aus dem letzten Jahr mitgenommene Problem sein: der Schaden, den ein aggressives Virus in den Demokratien angerichtet haben wird. Politische Rhetorik muss immer mit Vereinfachungen arbeiten. Aber in Demokratien hat sie sich dann immer wieder auch tiefergehenden kritischen Nachfragen zu stellen. Diese verdanken sich oft philosophischen und theologischen Impulsen. Insofern freue ich mich, auf diesem Blog einen Gastbeitrag von Frank Hahn zu veröffentlichen, der sich traut, die beiden eingangs genannten Probleme zusammen zu denken und eine „zu kurz gesprungene“ Berufung auf „Fakten“ so zu kritisieren, wie man es eigentlich in jedem Grundkurs der Philosophie lernen kann, aber in Zeiten einer allzu positivistisch orientierten „Die-Wissenschaft-hat-recht-Rhetorik“ immer seltener wagt; denn das Extrem auf der anderen Seite, die blinde Bestreitung des wissenschaftlichen Denkens, erscheint um so vieles gefährlicher.

Ich habe mich gern auf diesen Text eingelassen und lade auch Sie ein, sich einen Moment Zeit für ihn zu nehmen. GP

 Fakten und Alternativen – Fragment einiger kritischer Nachfragen

Von Frank Hahn

Sind wir Donald Trump in die Falle gegangen? Wer ist „Wir“, und um welche Falle geht es? Das Wir könnte sich auf eine Allgemeinheit, vielleicht sogar auf eine Mehrheit der Weltgesellschaft beziehen, die Präsident Trump und seine Politik unmissverständlich abgelehnt haben. Mithin ein ziemlich undifferenziertes Wir. Die Falle, um die es sich handeln könnte, ist zunächst nicht politischer, sondern eher philosophischer Natur. Mithin ziemlich ungewöhnlich im Zusammenhang mit einem rhetorischen Raubein, als das sich der besagte Präsident gern gezeigt hat. Doch ist es gerade die raubeinige Rhetorik der „alternativen Fakten“ und der „Fake news“, die sich womöglich als die zumindest epistemologische Falle erwiesen hat, in die selbstverständlich nicht Alle, aber vermutlich viele der Trump-Gegner weltweit getappt sind. Sie waren überzeugt davon, dass gegen die Erzählung der „alternativen Fakten“ nur die „wirklichen  Fakten“ helfen würden, gegen den Vorwurf der Fake news nur die blanke Wahrheit, die wiederum eine der reinen Fakten sei. Mir kam diese Art der Kritik von Anfang an als zu kurz gesprungen vor, ich verlasse also das große undifferenzierte Wir und spreche nurmehr von mir. Das ist nicht arrogant, denn einerseits trete ich damit zweifellos in ein anderes Wir ein, zum anderen folge ich nur sozusagen intuitiv meinem Unwohlsein, das ich spüre, wenn lediglich Fakten gegen Fakten aufgefahren werden. Das erscheint mir als Ausdruck der Ratlosigkeit, als hilflose Geste, sich auf das Terrain des Gegenspielers zu begeben, sich seinen Begrifflichkeiten anzupassen und ihm so hinterher zu laufen statt ihn in einem eleganten Ausfallmanöver zu überraschen. Wenn Politik es nur – oder zumindest ursächlich – mit Fakten zu tun hätte, wäre dann, so ließe sich fragen, es nicht probat, Entscheidungen, auch solche weitreichender ethischer oder strategischer Art, mithilfe von Multiple Choice Verfahren zu treffen? Irgendwann vielleicht sogar von Maschinen künstlicher Intelligenz? 

Faktum bedeutet vom Lateinischen her „das Gemachte“. Es wird zuweilen auch als das Gegebene übersetzt, wobei sich dann die Frage erhebt, wer gibt hier etwas, ist es die Natur oder der Mensch oder nur der wissenschaftliche Forscher, der auf ein Faktum in der Natur stößt? Hat die Natur ihm dieses Faktum gegeben oder hat er es durch seine Beobachtung gemacht? Es ist ein wissenschaftliches Faktum, dass der Beobachtende durch die Anordnung seines Beobachtungsapparats bzw. durch die Methode, die er anwendet, nicht nur ein Gegebenes beobachtet, sondern das Ergebnis durch seine Methode beeinflusst, also macht. In der komplexen Fülle von Gemachtem, Gegebenem und Konstruiertem, mit demr wir es täglich zu tun haben, sind aber darüber hinaus immer weniger der Mensch oder die Natur die Urheber, Entdecker oder Konstrukteure, sondern das Ergebnis der Forschung wird von einem System, einem institutionellen Apparat oder auch einem Denksystem gemacht. Wissenschaft beruht heute zu einem erheblichen Teil auf Modellrechnungen, die stets nur eine Annäherung an die  Wirklichkeit sind und diese nicht eins zu eins abbilden. Sobald man das Modell für die Wirklichkeit nimmt, wird sie zum Gemachten, zum Faktum.  Methoden der Komplexitätsreduktion werden konstruiert, die einen hohen Grad an Plausibilität aufweisen mögen, aber zumeist „gemacht“ sind, um Forschungsergebnisse zu liefern, die vor allem das Diktum von einfach, konsistent und praktikabel erfüllen sollen. Wenn die Wissenschaft jedoch auf Gemachtem beruht, d.h. auf Konstruktionen, dann bedarf sie zweifellos des Korrektivs der Dekonstruktion – die sich zwar gleichfalls als Konstruktion erweisen kann, aber das ist ein anderes Thema. Solche Fragen stellen sich immer wieder seit Beginn der Neuzeit und ihrer wissenschaftlich-methodischen Neuausrichtung, die in die so genannte Aufklärung mündete. Wie aber kann sich die Aufklärung über sich selbst aufklären? Wer kritisiert  die Wissenschaft und vor allem wie? Kritik leitet sich bekanntlich vom griechischen krinein ab, was scheiden, trennen, auch auftrennen  bedeutet.  Wenn das Gemachte des Faktums darin besteht, dass es zusammen genäht wurde, dann hieße Kritik auch, die Naht wieder aufzutrennen oder sogar aufzureißen. Vielleicht hat man im Gewebe des Faktums etwas vergessen oder es entsteht bei neuerlichem Nähen etwas Anderes. Die Trennung der Naht oder der Riss, den die Kritik ausführt, entspricht vielleicht dem Riss, der durch den Schrei in die Welt kommt. Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy hat auf diese Verbindung  von der französischen Sprache her kommend hingewiesen. Das Wort cris – der Schrei – findet sich auch in ecrire/schreiben und ecriture/das Schreiben. Auch das Schreiben ist eine Bewegung des Auftrennens, Verschiebens und Verrückens von Bedeutungen, der Entdeckung von Ambivalenzen usw., aus dem zuweilen ein Schrei sich löst, sei es ein Schrei der Freude oder des Entsetzens, in jedem Fall einer des Überraschtseins. Im Schrei tut sich neben dem Hilferuf und dem Aufruhr auch die Verletzung kund, die uns eingeschrieben ist oder die in Momenten aufbricht.

Und Kritik verletzt zuweilen, sie kann aber auch auf jene Verletzungen verweisen, die wir im Miteinander oft verschweigen oder nicht wahrnehmen wollen. Und Fakten eignen sich hervorragend, auf eine verletzte Seele den Deckel der Unausweichlichkeit zu legen, um den Betroffenen zu signalisieren, dass sie sich mit dem, was unabweisbar und unumstößlich sei,  abzufinden hätten. Das Präfix „un-“ trägt manchmal unheimliche Züge.

Man wird mir vielleicht vorwerfen, dass ich unzulässiger weise von Fragen der Philosophie und der Wissenschaft plötzlich auf die Ebene von Gefühlen hinüber springe. Ich gebe zu, dass dieser Sprung vielleicht zu abrupt und zu überraschend kommt, und doch scheint er mir unvermeidlich. Denn abgesehen von der Natur oder von den Institutionen, die Fakten herstellen, sind es eben vor allem Menschen, die etwas als Faktum konstruieren. Wenngleich lange Zeit versucht wurde, bei der besonderen Spezies der Wissenschaftler Vernunft und Gefühl nicht nur durch einen harten Schnitt zu trennen, sondern Letzteres quasi als hinderlich auszusondern, so ist diese Herangehensweise vor dem Hintergrund der Neurowissenschaften zumindest fragwürdig geworden. Schließlich verbirgt sich in meiner Eingangsfrage bereits ein ganzer Strauß von Emotionen, wie es beim Thema Trump nicht anders sein kann. Er ist eine gute Projektionsfläche für Wut, Trauer, Angst, Ekel und so weiter. Wobei die wirkliche Frage vielleicht gar nicht ist, welche Gefahr von diesem Mann ausging, sondern wie sich die amerikanische Gesellschaft so verändert hat, dass Trump überhaupt Präsident  werden konnte. Und ob es nicht ähnliche Phänomene auch bei uns gibt. Und schon sind wir in einem weiteren Strauß, nämlich dem der Unsicherheiten und Ungewissheiten. Fakten können da sehr beruhigend wirken, fast sedierend, manchmal geradezu stimmungsaufhellend. Die Fakten, wenn wir sie nur richtig anordnen und lesen, geben uns scheinbar Sicherheit, gestützt auf Fakten lässt sich die Kontrolle zurückgewinnen.

Fakten sind Stützen. Gerade das ist es, was mich beunruhigt, die sedierende Wirkung der Fakten auf den öffentlichen Diskurs. Wenn das einzige, was gegen Populismus und Autokratie helfen soll, die „richtigen Fakten“ wären, dann wäre eine wachsende Polarisierung der Gesellschaft in zwei sich zunehmend fundamentalistisch gebärdende Lager, genährt von einem „Wir und die da“- Denken, kaum noch vermeidbar. Beide Lager würden sich gegenseitig vorwerfen, die Fakten der jeweils anderen Seite zu leugnen. Wir erleben jetzt schon, wie ein politisches Feld konstruiert wird, in dem auf der einen Seite die „Irrationalen, Verrückten und Spinner“ sich bewegen und auf der anderen Seite die Vertreter von Aufklärung und Vernunft. Wenn es doch so einfach wäre! Die früheren politischen Begriffe von fortschrittlich, konservativ, liberal, sozialistisch – grob gesagt die Erfassung des politischen Spektrums als eines breiten Bandes von links bis rechts – wären hinfällig. Es gäbe nur noch zwei Lager: das Lager der sogenannten Verschwörungstheoretiker, in dem sich dann auch rechtspopulistische bin hin zu rechtsradikalen Milieus tummeln, und dagegen das Lager der Konsensgesellschaft, das auf Vernunft setzt und deren philosophische Basis der Positivismus wäre.  In der Tat sehr beunruhigend, denn zum einen finde ich mich in keinem der beiden Lager wieder, wobei ich ohnehin tunlichst eine selbst gewählte Lagerhaft vermeide. Zum anderen aber stellt sich die Frage, ob der Positivismus über die geistigen Mittel verfügt, um das Aufkommen radikal-fundamentalistischer Bewegungen zu verhindern. Steckt nicht vielmehr im Positivismus selbst ein fundamentalistischer Kern?  

Diese Frage schob sich mir neuerlich bei der Lektüre des französischen Philosophen Jean-Luc Marion  in den Vordergrund, den sie ebenfalls umzutreiben scheint, wenngleich er sich in einem etwas anderen Vokabular bewegt. Gerade das aber hat mich in meiner Fragestellung  und der darin implizit aufscheinenden These bekräftigt. Deswegen werde ich im Folgenden etwas ausführlicher auf Marions Betrachtung zum Thema der wissenschaftlichen Methode der Neuzeit eingehen, in der er implizit auf die Frage nach dem Hervorbringen der Fakten eingeht.  

Das Gemachte: Bemächtigung und Hervorbringung

In seiner 2018 erschienenen Abhandlung  „Das Erscheinen des Unendlichen“ spricht Marion im Abschnitt „Entbergung und Enthüllung“ zunächst von der Bedeutung der Gestalt. Dies nun allerdings weniger aus der Perspektive der Gestaltphilosophie oder der Gestaltpsychologie, sondern aus theologischer Sicht. Es geht ihm um die lebensweltliche Spannung zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen, zwischen der Erfahrung des Unendlichen – sei es in der Liebe oder in der starken Erscheinung  dessen, was über die äußere Sinnenwelt hinausgeht – und der unabweisbaren Endlichkeit unserer Existenz. Beide Bereiche folgen laut Marion einer je eigenen Logik. Die Spannung zwischen beiden Bereichen kann jedoch auch zur Begegnung werden, und die Art und Weise dieser Begegnung des Unendlichen mit dem Endlichen wird ihm zur „Gestalt, in der das Unmögliche das Mögliche durchdringt“.   Dabei müsse man in die „Logik der Liebe“ eintreten, die allein eine solche Gestalt erklären und offenbaren könne. Einschub von meiner Seite: es mag das Sprachempfinden stören, wenn Logik und Liebe so verknüpft werden, ich vermute jedoch, dass Marion dies aus „taktischen Gründen“ so formuliert. Es stelle sich nämlich die Frage, so schreibt er weiter, ob und inwieweit es legitim sei, an diesem Punkt so non-chalant von der einen zur anderen Logik überzuwechseln. Anders gesagt: unter Bezugnahme auf und gemeinsam mit Schelling, der sich mit dem Verhältnis des Christentums zur Philosophie auseinandergesetzt hat, stellt Marion die Frage, welcher Art die Philosophie sein müsse, um auch das Christentum in sich aufnehmen und begreifen zu können.  Wenn man nun, wie ich es für erlaubt halte, statt Christentum den umfassenderen Begriff der Religion als solcher oder noch umfassender den des Spirituellen setzen würde, käme rasch das bedeutsame Anliegen dieses Textes in den Fokus: es geht Marion um den Begriff des Begreifens – oder um die Schwierigkeit mit dem Wort Begriff. Und so beginnt er denn auch den folgenden Absatz mit der Frage „Was bedeutet es, durch einen Begriff zu begreifen?“ Dies ist die Frage, die mir in Hinsicht auf das Thema der wirklichen oder reinen Fakten wahrlich bedeutsam erscheint. Ich zitiere hier etwas ausführlicher aus der auf die Frage folgenden Passage aus Marions Text:

„Gewiss, nicht jeder Gedanke mündet in einen Begriff, weil nicht jeder Gedanke sich als eine Bemächtigung der begriffenen Sache vollzieht. Denn in der Vorstellung des Begriffs bemächtigt sich die Erkenntnis dessen, was sie denkt, und allein das begriffliche Denken begreift durch eine Bemächtigung. ….Zuerst geht der Begriff in der Weise zu Werke, dass er das Undenkbare, das selbst als ein im engen Sinne Ungewisses verstanden wird, eliminiert (Hervorhebung F.H.). Diese Angleichung der Wahrheit an das Wissen und des Wissens an die Gewissheit ist nun keineswegs banal. Denn wenn erkennen impliziert, das zu denken, was man schon weiß, dann besteht es auch darin, das ins Auge zu fassen, was man noch nicht weiß, aber von dem man ahnt, dass es auch noch zu dem gehört, was man schon weiß, oder kurz gesagt, es besteht auch darin, sich dem zu stellen, was man erkennen sollte. Daraus folgte übrigens für das Denken in der Antike, dass jede Erkenntnis, die zum Beispiel die hyle  umfasst, also die stoffliche Materie, die sich unablässig wandelt und von einer Form in die andere übergeht (sich transformiert) oder, kurz gesagt, „spielt“…., nicht auf eine sichtbare, unveränderliche und definitive Wissenschaft hinauslaufen kann. Von daher rührt auch, für die Griechen (und für die Römer), die notwendige Ungenauigkeit hinsichtlich der Erkenntnis der Natur der Welt her: Vom natürlich Seienden kann es, natürlicherweise, keinen Begriff geben. Es sei denn, und darin  bestand die epistemologische Revolution der (cartesischen) Moderne, man versucht sich an einer Entmaterialisierung der Dinge – und gesteht nur noch das als etwas Erkanntes zu, was der erkennende Geist mit unumstößlicher Gewissheit in Besitz nehmen kann, das heißt, dass er also in den Dingen nur noch das berücksichtigen und aus ihnen zurückbehalten kann, was in ihnen nicht „spielt“, er also jede unkontrollierbare Abweichung eliminiert und sie, kurz gesagt, entmaterialisiert. Der Begriff reduziert auf diese Weise das Ding auf die Gesamtheit seiner kalkulierbaren, also beständigen und vorhersehbaren, wiederholbaren und reproduzierbaren Formen. Das, was man etwa die Mathematisierung der Welt nennt, stellt nur eine der Taktiken dieser Abstraktion dar: Im Allgemeinen entmaterialisiert der Begriff das Ding, um von ihm nur noch das zurückbehalten, was das Denken sich zur Verfügung stellen und halten kann, um es dann in jedem Moment und quasi vollständig wieder hervorbringen zu können. Das so begriffene Objekt reproduziert das Ding in dem Hervorgebrachten beinahe an sich. Daher folgt, dass der Begriff die Aneignung autorisiert, oder mehr noch voraussetzt  und auf sie abzielt. Wenn ich irgendein Objekt denke, so findet sich das, was am Ende ist, vollständig von meiner Art der Vorstellung wie auch von seinem eigenen Wesen (das im Grunde genommen reduziert und in Klammern gesetzt wurde) bestimmt. Das Objekt, das nur als Gedachtes ist, definiert sich folglich in grundlegender Weise durch dieses Denken, als ein Denkbares der cogitatio. Nicht nur meine cogitatio zielt auf nichts anderes als nur Objekte ab, sondern auch jedes Objekt reduziert sich auf das, was meine cogitatio von ihm hervorgebracht hat, so dass sie es sich aneignen kann…..“

Und weiter: „Die neuzeitliche Definition von Wahrheit wird daher durch die Entmaterialisierung des Dings und die Aneignung des Objekts bestimmt – als Bereich, in dem nichts mehr im Hintergrund bleibt, alles nach vorn gerückt ist, zur Verfügung gestellt wurde, und das Ich bedient wird…Eine solche Definition der Wahrheit, wie gewunden ihr Verlauf …auch sein mag, bleibt in der adaequatio rei et intellectus gegründet, die von nun an als ein In-eine-in-Ordnung-bringen und ein Zur-Verfügung-stellen, als ein Ordnen und Sicherstellen verstanden wird…..Sie öffnen und verschließen, gleich ehernen Pforten, den einzigen Zugang zur wahren Aussage…..“

Beschreibt Marion hier nicht auf luzide Weise den Entstehungsprozess eines Faktums? Lässt sich das Hervorgebrachte wirklich von der subjektiven Seite des Hervorbringens trennen? Mit dem Hinweis auf die adaequatio rei et intellectus so wie auf die Bedeutung der Cartesischen cogitatio fällt Marions Antwort deutlich aus. Dass diesem Prozess des „Ordnens und Sicherstellens“ durch ein Subjekt eine Objektivierbarkeit durch die Anwendung der Methoden zugesprochen wird, ergibt sich zwangsläufig aus ihrem nun mindestens seit vier Jahrhunderten etablierten systemischen Charakter. Das heißt nicht, und dies behauptet Marion auch nicht, dass diese Methode grundlegend zu verwerfen sei, sondern zunächst geht es erst einmal darum,  sich die Vorgehensweise bewusst zu machen, um dessen Grenzen anzuerkennen. Was Marion hier beschreibt, ist das berühmte Phänomen, wonach man den Schmetterling erst dann analysieren, sprich begreifen kann, wenn man ihn getötet und aufgespießt hat, wobei der Begriff manches Mal zum Spieß wird. Statt Spiel der Spieß – das Spiel der Hyle, wie es die Griechen noch gewürdigt hatten, ist dabei ausgespielt. 

Und hier komme ich zurück zur Frage der Fakten. Die Mathematisierung und die Unterordnung der Welt unter naturwissenschaftliche Methoden, die uns Fakten präsentieren, birgt die Gefahr nicht nur einer methodischen, sondern geradezu sinnesmäßigen Erblindung. Laut Marion nehmen wir den Hintergrund nicht mehr wahr, es gibt sich nur noch die Oberfläche zu erkennen, nur noch das Glatte und Reine, das zugleich das Eindeutige wird. Die Namen, welche Marion diesem Prozess der begrifflichen Aneignung des Objekts gibt, künden dabei von einer Art Gewaltakt: Bemächtigung, in Besitz nehmen, zur Verfügung stellen, Eliminieren des Ungewissen.  Überträgt man dieses Vokabular vom scheinbar unschuldigen Bereich wissenschaftlicher Erkenntnismethode auf soziale und politische Prozesse, wird es sogleich recht unbehaglich. Gilt eigentlich noch das wissenschaftliche Gebot der Falsifizierung eines Modells oder einer Theorie? Zweifel daran werden selbst unter Wissenschaftlern laut. Wenn aber die Wissenschaft sozusagen „voranmarschiert“ und das Glatte und Reine anstrebt und somit das Eindeutige, wie es im Begriff der Identität anklingt oder dem salopp hingeworfenen Satz „die Zahlen sprechen für sich“ oder der politisch gemeinten Aussage  „Mit der Physik kann man nicht verhandeln“, dann sollte uns schaudern. Bevor wir jedoch vorschnell bestimmte Aussagen bewerten, ließe sich erst einmal ganz nüchtern konstatieren, dass die Hüter der Eindeutigkeit, sobald daran Zweifel laut werden, in eine Abwehrhaltung gehen, die sie selbst als Ausdruck von Vernunft und aufgeklärtem Geist präsentieren. Doch Abwehr entspringt einem Gefühl, zum Beispiel dem der Bedrohung, sie ist häufig eine Reaktion auf Ängste. Da steht sich dann die Abwehr eines sich als alternativlos gebärdenden Wissenschaftspositivismus der anderen Abwehr gegenüber, zum Beispiel dem des Verschwörungsdenkens. Dies bezieht nicht zuletzt seine Nahrung daraus, dass seine intelligenteren Anhänger etwas wittern von der positivistischen Ausblendung des  Hintergrunds, dessen Leere sie nun jedoch mit allerlei üppigen Erzählungen aufladen und ausmalen. Wenn sich der Rauch dieses narrativen Budenzaubers etwas gelegt hat, kommt plötzlich ein dem Positivismus nahe stehendes Denkmuster zum Vorschein, nämlich die Struktur einer strikt monokausalen Erzählung, die schließlich in eine in sich geschlossene – und vor allem eindeutige und nicht mehr hinterfragbare – Welterklärung  mündet. Es ließe sich fragen, inwieweit umgekehrt der Positivismus Formen des Verschwörungsdenkens in sich trägt, wenn z.B. der Grat zwischen Ausblendung und Verblendung, auf dem sich das Denken bewegt,  zuweilen sehr schmal wird. Dies weiter auszuführen, würde den Rahmen dieser wenigen Seiten jedoch sprengen.    

Ambiguitätsintoleranz

Unzweifelhaft erscheint mir jedenfalls, dass beiden Modellen die Angst vor dem Kontrollverlust oder dem Verlust der Aneignungsfähigkeit innewohnt. Die Antwort auf diese Angst hießt Bemächtigung der Welt: im einen Fall durch Begriffe, die zu Fakten führen, im anderen durch ein geschlossenes, monokausales Modell der  Welterklärung. Beide Modelle abstrahieren dabei vom Leben, sie reduzieren Mehrschichtigkeiten, Ambiguitäten oder schlicht das in steter Veränderung Befindliche auf Begriffe oder konstruierte Kausalitäten.  Es sollte von daher nicht verwundern, dass sich beide Seiten auf eine für die Gesellschaft ungesunde Weise gegenseitig hochschaukeln, in eine – beinah abgestimmt wirkende – sich selbst verstärkende Pendelbewegung, in der der Flügelschlag des Pendels all das zu vertilgen scheint, was zwischen den Polen des Entweder – Ooder lebt und webt.   

   Was könnte aus dieser in sich selbst gefangenen Bewegung heraus führen? Vielleicht als Erstes das Bild des Pendels selbst als das eines Schwankens. Einer Bewegung, die, wenn man sie von der Befangenheit der Pole löst, gerade das starre Entweder-Oder, das gefährliche „Wir gegen die da“  aufheben könnte, eine Bewegung, die an mehreren Orten zugleich sein darf. Mir fällt in diesem Zusammenhang der sehr anschauliche Essay von Thomas Bauer über die Vereindeutigung der Welt ein. Der Autor konstatiert in den modernen Gesellschaften eine Tendenz zur Ambiguitätsintoleranz. Das Unentscheidbare oder Ambige nicht aushalten zu können, kann Angst oder Ohnmacht auslösen, in deren Gefolge auch eine Kränkung und daraufhin sogar Wut, wobei das Gefühl, „etwas nicht aushalten können“ zunächst sich ganz körperlich in Symptomen wie Übelkeit, Schmerz oder Erschöpfung zeigt. In klaren Worten demonstriert Bauer, der seines Zeichens Islamwissenschaftler ist, den Verlust an Ambiguität in den Religionen, was sich augenfällig im Bereich des Islam – aber beileibe nicht nur dort – besonders dramatisch und auf brutale Weise zeigt. Bauer polemisiert denn auch gegen die These von einem „Rückfall ins Mittelalter“, der im Angesicht der „Internationale der religiösen Reaktion (IRR)“ (der Begriff stammt von Gesine Palmer) gern die Runde macht, denn gerade jene Zeit – etwa vom 10. bis 14.Jahrhundert – war in der islamischen Welt (und nicht nur in ihr) durch eine hohe Ambiguitätstoleranz geprägt, wie man zum Beispiel am Sufismus oder den vielen unterschiedlichen Koranschulen mit einer reichhaltigen und diversifizierenden Auslegungstradition zeigen kann, vergleichbar mit den Talmudschulen im Judentum. Der Autor diagnostiziert ferner in der modernen Kunst einen Verlust an Ambiguität, was mir weniger „eindeutig“ erscheint, hier aber nicht weiter kommentiert werden soll. Sein Befund jedenfalls lautet, dass die beiden Bereiche, deren Wesenskern ambig ist, Religion und Kunst, als lebendige Hüter und Stützen der Ambiguität sich mehr und mehr verabschieden. Vor diesem Hintergrund kann es kaum verwundern, dass in den Naturwissenschaften sich über die Jahre und Jahrzehnte ähnliches zugetragen hat, da an sie ohnehin die Erwartung der Eindeutigkeit, sozusagen der Klärung der letzten Fragen, delegiert worden ist. Ich kenne einige Naturwissenschaftler, die gerade diesen Anspruch als eine pathetische Überhöhung der Wissenschaft zurückweisen und vielmehr auch die Naturwissenschaften in das Feld des Ambigen eingewoben sehen.

Wenn also die Gesellschaft mit einem Mal zwischen den Polen einer religiösen und kulturellen Vereindeutigung (genannt Fundamentalismus oder Verschwörungsdiskurs) und einer wissenschaftlichen (genannt Positivismus) zerrieben wird, zerbröselt das Feld des Politischen, das einst ein Feld des Aushandelns von Interessenkonflikten war, ein Feld des einander Anhörens und voneinander Lernens, ein Feld des langen, zuweilen anstrengenden  Ringens um Entscheidungen im Wissen darum, dass am Ende ein Rest an Unentscheidbarkeit bleiben wird.  All dieses Aushandeln und Ringen gelingt nur unter der Maßgabe, dass die daran Beteiligten einander respektvoll und anerkennend begegnen und dem jeweils anderen nicht seine Integrität als Mensch absprechen.  All dies stünde zur Disposition,  wenn politische Entscheidungen sich nur noch oder maßgeblich aus den Vorgaben technisch-wissenschaftlicher Experten ableiten ließe, die der Exekutive die unumstößlichen „Fakten“ präsentieren und damit jene Entscheidungen implizit vorwegnehmen, die aufgrund der „Faktenlage“ in einer gegebenen  Situation unumgänglich notwendig und also alternativlos seien. Diese Gefahr einer technisch-wissenschaftlichen Expertendiktatur scheint im 21.Jahrhundert sehr real geworden zu sein. Vor 60 Jahren, im Januar 1961,  hatte der amerikanische Präsident  Dwight D.Eisenhower in seiner Farewell Adress nicht nur vor dem militärisch-industriellen Komplex gewarnt, sondern im gleichen Atemzug vor einer wissenschaftlich-technischen Elite, welche die Stelle der gewählten Regierung übernimmt. Mit den Technologien, die heute zur Verfügung stehen, von der globalen Vernetzung bis zur Künstlichen Intelligenz, sind wir womöglich nur einen kleinen Schritt vom Absturz in solche Strukturen entfernt. Das Management der Corona-Krise könnte sich eines Tages dabei als einer der ersten Schritte in diese Richtung erweisen. Die Stimmen der  kritischen Denker sind äußerst rar geworden, die dem Positivismus eine andere Ebene der wahrgenommen Wirklichkeit entgegensetzen.  

Vielleicht tappe ich mit diesem Versuch einer Diagnose unseres Zustands auch in die Falle der Vereindeutigung. Vielleicht ist alles ganz anders, viel mehr ausdifferenziert, vielleicht sogar ausgefranst, also auch spielerisch, zumindest im Hintergrund. Im Übrigen wäre vielleicht das Eingeständnis heilsam, dass wir nicht alles kontrollieren können. Vielleicht, wenn wir die Grenzen des „In-Ordnung-Bringens“ und Aufspießens und Bemächtigens und Verfügens anerkennten, fiele uns ein  anderes Wort zu, das dem Leben näher käme: Sein Lassen. Zumindest manchmal und vielleicht auch öfter. Auf jeden Fall – und nicht nur vielleicht – wäre es ein Weg aus dem „Wir gegen Die“-Denken, wenn wir dem Anderen erst einmal Gründe für seine angenommene Sicht der Dinge zugestehen, anstatt ihn ungefragt als Person abzuwerten. Und diese Gründe liegen bei Menschen nur zum Teil in sogenannten rationalen Bereich, vielmehr entsprießen sie doch einem ganzen Strauß aus Gewohnheiten, Prägungen und damit verbundenen Wahrnehmungen und ganz grundlegenden Emotionen. Sich dies stets zu verdeutlichen, dass jeder und jede von uns mit diesem Strauß auf je eigene Weise zu tun hat, könnte so manche Verhärtung  lösen und eine angespannte Lage wie die augenblickliche entspannen. Und bei all dem entdecken wir vielleicht im Wort vielleicht eine Fülle ungeahnter Ambiguitäten, ohne damit in Beliebigkeit zu verfallen. Vielleicht….           

Von Fakten und Alternativen. Ein Gastbeitrag von Frank Hahn

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